Abschied nehmen


ist eine Variante des umfassenden Themas des sich Einlassens und Loslassens

Wonach richte ich mich beim Einlassen? Folge dem, was mit dir resoniert, was dich anzieht, heiß macht oder evtl. abstößt. Dieses Anklingen in dir muss nicht konform gehen mit deinen Vorstellungen, Konzepten und Gewohnheiten. Es gibt eine Entsprechung zwischen dir und dem Außen. Bedeutsam für uns ist bzw. erkennen können wir nur, was uns gleich oder ähnlich ist. Dies hat schon Sri Aurobindo, ein großer spiritueller Lehrer um 1940 in so schöne und treffende Worte gefasst. „Erkenntnis durch Identität – wir erkennen ein Ding, denn wir sind dieses Ding. Jede Erfahrung, jede Erkenntnis von gleich welcher Ordnung, angefangen von dem rein physischen Bereich bis in die höchsten Höhen der Metaphysik, ist insgeheim Erkenntnis über Gleichheit." Wenn es resoniert zwischen uns und dem anderem, es kann sich dabei um eine Person, eine Sache oder ein Objekt handeln, dann können wir letztlich erst erkennen. "Wir erkennen, weil wir sind, was wir erkennen!" Das Natürliche ist nicht die Trennung oder die Unterscheidung sondern die unteilbare Einheit aller Dinge. Nicht in Verbindung sein, also Spaltungen führen gesetzmäßig zu Angst und Panik. Daraus können wir die Konsequenz ableiten, dass uns die Angst gleichsam auffordert, wieder in Verbindung zu gehen. Das Niveau unserer Entwicklung ist erkennbar an der Menge, der in uns reintegrierten äußeren Welt, die wir als uns selbst erkennen. Ein solches Erkennen bzw. Wiedererkennen ist stets mit großer Freude verbunden. "Zu sein, was ist, bedeutet, die Freude an allem zu haben, was ist." Freude und Liebe ist stets gleichbedeutend mit "in Verbindung sein".
Zum Einlassen sei noch hinzugefügt, gleich ob es sich um eine Person, Objekt, geografische Örtlichkeit, Sache wie Arbeit handelt, geht es prozessual um das Involviertsein in eine Form. Wenn du wirklich lebendig und entwicklungsorientiert bist, bleibst du für eine bestimmte Zeit - nicht zu kurz und auch nicht zu lange - in einer Form. Die Frische des Erlebens bestimmt die Dauer. Manche Menschen scheuen sich, in eine Form zu gehen. In eine Form zu gehen heißt, sich von ihr abhängig zu machen – in durchaus gesunder Weise – es heißt Konkretisierung und damit Verlangsamung von Geist und Prozess. Es ist nach Aurobindo und Sabetti, S., die Wandlung von einem Involutionsprozess in einen Evolutionsprozess. Diese Verlangsamung ist in bestimmten Entwicklungsphasen notwendig, damit wir überhaupt in der Lage sind, etwas zu lernen. Nicht alle wollen das wirklich.
Ebenso gibt es Menschen, die zu lange in einer Form bleiben. Sie bleiben dort aus Sicherheitsgründen. Sie sind nicht mehr bereit, etwas Neues zu erfahren, sie bewegen sich nur noch in Gewohnheiten, treten auf der Stelle und sperren sich gegen Anregungen von außen und intuitiven Impulsen von innen.

Auf das Einlassen folgt das Abschied nehmen. Sich verabschieden ist nur notwendig, wenn ich mich im Vorfeld auch wirklich eingelassen habe, wenn ich mich gezeigt habe von der schönen und unschönen Seite, offen, ehrlich und verantwortungsvoll gewesen bin, so dass Intimität und Vertrauen entstehen konnten. Wenn dann eine Trennung erfolgt, dann entsteht eine innere Bewegung wie Schmerz und Trauer. Bei der Verabschiedung kann geballt die ganze Intimität und Nähe nochmals zum Ausdruck kommen. Diesen Prozess zu durchlaufen ist wichtig für eine gelungene Ablösung, um sich auf die nächste Form einlassen zu können. Sonst hänge ich noch im Alten und kann mich noch nicht ganz auf das Neue einlassen. Eine „halbherzige“ Angelegenheit ist dann sowohl das Alte als auch das Neue. Energie wird über derartige "offene Gestalten" gebunden. Diese Menschen verweilen in einem subtilen Dauerschmerz.

Beim Abschied machen oft gerade die am meisten Wind, die sich am wenigsten eingelassen haben. Diese Menschen haben geradezu einen Nachholbedarf, der aber so nicht mehr aufzuholen ist oder sie wollen sich selbst und dem anderen ihre Beziehungslosigkeit nicht eingestehen. Dies würde dann einen neuen, ganz anderen Schmerz verursachen, nämlich den, über das Nicht-gelebte. Diesen Schmerz zu spüren, wäre sehr notwendig, damit es weitergehen kann. Die Alternative ist die Blockierung und damit die Abgestorbenheit.

Pascal Mercier lässt seine Hauptromanfigur sagen, dass ein ehrlicher Abschied der Versuch sei, mit den anderen zu einem Einverständnis darüber zu gelangen, wie die gemeinsame Lebensphase mit den Beteiligten gewesen sei. Sich darüber verständigen, wie sie sich gesehen und erlebt haben. Was zwischen ihnen geglückt und misslungen sei. Beides sollte akzeptiert und ausgetauscht werden. Insofern heißt Abschied auch, zu sich selbst stehen vor den Augen der Anderen. Die Feigheit eines Abschieds läge demnach in der Verklärung, das Gewesene zu beschönigen oder zu unterschlagen (in "Nachtzug nach Lissabon", S. 358 u. 359, Hanser, 2006, erhältlich bei Amazon.de).

Ich bin immer wieder erstaunt, wie viel an Nähe in relativ kurzer Zeit zwischen Menschen möglich ist. Das Gleiche gilt auch gegenüber kulturellen und geografischen Örtlichkeiten, Institutionen und anderen Situationen, also nicht nur gegenüber Menschen. Die Tiefe einer Beziehung muss weder mit der Dauer der Beziehung noch mit dem Verwandtschaftsgrad einhergehen.

Menschen, die in tiefer Liebe sind und die entsprechend viel Vertrauen in nichtvorhersagbare Prozesse haben, die auch bereit sind, immer wieder vom eigenen Ego loszulassen, die sich als Teil des Ganzen verstehen, haben keinen tieferen Trauerprozess zu durchlaufen. Sie müssen nur von der Form loslassen. Sie wissen, dass alles weitergeht, dass sich „nur“ eine Form verändert, dass jedoch die Essenz ewig andauert.

Die Trauerarbeit bezieht sich nur auf die Ebene des Körpers, der Gefühle und auf die mentale Ebene. Von einer tieferen Liebe muss keine Verabschiedung erfolgen, denn diese Qualtität / Frequenzband hat mit dem physischen Tod kein Ende. Diese Ebene ist höherfrequenter als die anderen drei Ebenen. Aber Vorsicht, die Verabschiedung auf den unteren Ebenen muss dennoch erfolgen und darf nicht durch eine angeblich höhere Ebene kompensiert werden. Derjenige, der mit der wahrhaften Liebe in Verbindung war und noch ist, dem wird die Trauerarbei auf den anderen Ebenen leichter fallen. Die wahrhafte Liebe ist bedingunslos.

Oft ist es jedoch so, dass derjenige, der die Situation der Trennung nicht akzeptiert, der mit den Lebensumständen hadert, am meisten leidet und dann dieses Leiden einer tieferen Liebe zuschreibt. Er rechtfertigt seine Stagnation im Trauerprozess mit einer angeblich tieferen Liebe. Dieser Selbstbetrug kann sein ganzes Leben andauern.


Altshausen, den 11. April 2007, 17. Juli 2017
Oswald Horn