Akzeptieren


Wenn ich das Nicht-zu-akzeptierende direkt oder indirekt verändern kann, tue ich dies, dann brauch ich es nicht anzunehmen.
Wenn dies nicht in meiner Macht liegt und ich es nicht akzeptiere, dann produziere ich in und außerhalb von mir Spannung und Konflikt, Krieg und Streit auf der sozialen Ebene und in mir Aggression, Hader, Ohnmachtsgefühl, Resignation oder im extremen Fall psychosomatische oder psychiatrische Beschwerden.

Es genügt in der Regel nicht, dem vorhandenen „Nein“ ein willentliches „Ja“ entgegenzusetzten.

Bestimmte Bedingungen sind dafür Voraussetzung:

Erst mal muss ich als Betroffener erkennen, dass überhaupt ein Nein zugrunde liegt! Ich muss weiterhin erkennen, ob dieses Nein sich auf oberflächliche Dinge bezieht. In dem Fall kann ich ein reines mentales Nein nachhaltig zum Verschwinden bringen. Das heißt, den Gedanken X kann ich durch den Gedanken Y ersetzen.
Oft sind jedoch diese Neins in unserem persönlichen System stärker verwurzelt! Wenn ich in dem Fall, dem Nein ein Ja - es sind mentale Aspekte - entgegen setze, einem Gedanken einen anderen Gedanken, dann produziere ich noch mehr Gedanken - baue einen zusätzlichen Konflikt ein. Ich erhöhe somit die Spannung im System, ich agiere nach außen oder fördere Grübeln / Gedankendrängen, ein Agieren gleichsam nach innen und bin somit noch weiter von einer Lösung entfernt als je zuvor.

Ich muss tiefer gehen, ich benötige mehr Bewusstsein. Ich sollte die Unsinnigkeit des Neins/des Widerstandes (mental) auf der gesamten horizontalen und vertikalen Ebene erkennen. Solange ich der Illusion verfallen bin, ich könnte daran doch noch etwas drehen, solange verhindere ich einen tieferen Transformationsprozess und produziere stattdessen weiterhin Leiden und Probleme.

Wie findet nun Transformation statt, damit meine ich echte Veränderung, im vorliegenden Fall, eine Auflösung des Neins und vieles mehr?

  • der Blick sollte nach innen gerichtet werden, dabei sollte reines Wahrnehmen stattfinden - Gewahrsein
  • aufhören, hierbei absichtlich zu denken, implizit zu wollen, zu suchen u. dgl. - aktives Denken schafft subjektive Zeit und verhindert so Gegenwartsbewusstsein, hinter jedem Nein und Ja verbirgt sich ein Wollen
  • gegenwärtig sein - im Hier und Jetzt
  • mich vorbehaltslos den vorhandenen Wahrnehmungsobjekten hingeben - den momentanen Körperempfindungen, den vorhandenen Gefühlen und den noch bestehenden Restgedanken, all den gegenwärtigen Inhalten / Formen im Beobachtungsfeld - ohne Vergleich, Auf- oder Abwertung, Wegschieben und Festhalten und
  • so gut wie möglich den Gewahrer selbst betrachten, die Dualität zwischen Objekt und Subjekt verschmilzt allmählich - es bleibt reines Gewahrsein, einfach Sein - im Sein sein! Ich sage ausdrücklich „betrachten“ und nicht „sich fragen“ wie bspw. „Wer bin ich?“ Diese Haltung verleitet zu sehr zum Nachdenken, Suchen und Warten.

Akzeptieren ist also nur ein modernerer Begriff des seit alters her bekannten Begriffs der Hingabe, allerdings ist hier die „absichtslose Hingabe“ gemeint! Hingabe muss frei sein von jeglichem Motiv, auch von jeglicher Ausrichtung auf ein Konzept. Sie muss frei sein von der Hoffnung auf Veränderung, frei sein von der (religiösen) Absicht, dadurch Gott näher zu sein bzw. in den Himmel zu kommen und dgl.

Die Bewusstseinsinhalte und -formen reduzieren sich dabei relativ schnell, was bleibt ist Leere, die in eine Stille übergehen kann. Ein „Bewusstseinsraum“ kann wahrgenommen werden und schließlich findet reines Gewahrsein statt! Glaube mir bitte nicht! Die Weisen sagen, dass dieses Gewahrsein du bist! Es ist frei von Individualität - du bist nicht der Handelnde, du erkennst, dass dein persönliches System instrumentellen Charakter hat und dass du in deiner Essenz reines Bewusstsein bist. Individuelles Bewusstsein löst sich im universellen auf – analog des Wassertropfens im Meer. Die Wellen repräsentieren die Formen, die Objekte der Wahrnehmung, die kommen und gehen können; sie sind also nicht essentiell. Was bleibt ist Wasser - die Ganzheit. Diesen Background können wir oft nicht erkennen, da wir so mit den Formen, den Wellen beschäftigt und identifiziert sind. In einem anderen oft zitiertem Metapher, im Kino, sind wir so mit dem Film, den Bewegungen, der Handlung und den Lichtprojektionen involviert, dass wir den Hintergrund, die Leinwand, das Absolute, das stets vorhanden ist, nicht erkennen.

Beim Prozess der Hingabe geht es also auch um das Erkennen der falschen Identitäten, um einen Entidentifikationsprozess nach Eckhart Tolle. Dazu ist „freie“ Beobachtung notwenig. Ramana Maharshi, der Weise vom Berge Arunachala, sagte, es gibt kein individuelles „Ich“, wir müssen die Quelle unserer Gedanken finden, um in ihr völlig aufgehen zu können. Er nennt dieses Vorgehen „Inquiry“, gemeint ist damit eine Art Selbsterforschung. Stephano Sabetti entwickelte Jahrzehnte später eine ähnliche Methode und bezeichnete sie als „Prozess Inquiry“.
Wenn wir unsere Aufmerksamkeit ganz gegenwärtig auf diese Quelle lenken, auf den Denker, dann hört jegliches Denken und damit auch jeglicher Widerstand auf. Frieden stellt sich ein.
Wenn wir den Gewahrer dabei spüren und erkennen, nehmen wir Stille wahr - sie war immer schon da - das sind wir, diese Essenz; Zwischenstufen sind Liebe, Glückseligkeit und Schönheit. Glaub mir bitte kein Wort.

Uns wird dann deutlich, dass alles seine Richtigkeit hat! Was auch immer geschieht, es ist stets der natürliche Lauf der Dinge. Wir bekommen, was wir brauchen. Es bleibt aus, was wir nicht mehr nötig haben. Eine ganz tiefe Ordnung wird zunehmend transparent. Sie hat immer schon bestanden, du hattest sie nur nicht erkannt. Scheinbare Zufälligkeiten werden verstanden und Schicksalsschläge, Krankheiten und Behinderungen werden als hilfreiche Botschaften erkannt und werden somit sinnhaft. Wenn du dich im Tiefen eingelassen und dich verändert hast, verschwinden diese „Botschaften“ oder sie werden bedeutungslos. Erfolg, Reichtum, Fähigkeiten, Fertigkeiten und dgl. können nicht mehr als Ergebnis eines persönlichen Tuns angesehen werden und so verschwinden dann auch Eitelkeit und Stolz, ebenso wie Unzulänglichkeit usw.
Ich muss auch nicht mehr dankbar sein! Ich bin es gleichsam dadurch, dass ich in der Liebe bin – ich bin Liebe(?).
Mach daraus bitte kein Konzept. In dem Fall würdest du dich auf der Schiene der Wissenschaft, Philosophie und Religion befinden. Siehe in diesem Zusammenhang auch die Ausführungen von Jiddhu Krishnamurti, er hat m. W. diesen Zusammenhang als Einziger auf den Punkt gebracht. Nur wenn du aufhörst zu glauben und zu denken und dich bewusst dem inneren Prozess hingibst, kann ein tieferer spiritueller Prozess mit Transformation und Erkenntnisgewinn stattfinden, ein Schöpfungsprozess erfolgt durch dich.
Psychologisch würde man sagen, Intuition und Kreativität werden aktiviert - eine echte Bewusstseinserweiterung ohne Drogen und ohne Trance kann stattfinden. Hierbei wirkt durch uns eine Intelligenz, die mit unserem Denken kaum etwas gemein hat. Diese Prozesse realisieren sich nach Ramana Maharshi, wenn Gnade vorliegt und diese würde ständig vorhanden sein. Auf den 1. Blick erscheint diese Überlegung nicht haltbar zu sein! Sie stimmt m. M. n.

Siehe dazu die folgende Geschichte aus dem alten China. Sie trug sich zur Zeit Laotse`s zu. Laotse war ein Weiser - es heißt, er habe diese Geschichte sehr geliebt:

Der alte Mann und das Pferd

Es war einmal ...
ein alter weiser Mann. Er lebte mit seinem Sohn ganz ärmlich am Rande eines Dorfes und ging seiner einfachen Tätigkeit als Bauer nach. Er hatte ein Pferd von solcher Schönheit und Anmut, wie es sonst in der ganzen Gegend nicht vorzufinden war. Es diente ihm bei vielfältigen Arbeiten und es war sein Freund. Obgleich sein König ihm dafür viel Gold bot, lehnte er ab. Er liebte sein Pferd und wollte es trotz seiner Armut nicht verkaufen. Es kümmerte ihn nicht, ob dies richtig oder falsch sei. Er freute sich.
Die Dorfbewohner konnten ihn nicht verstehen, ja, sie riefen ihm zu: „Du Tor, wie konntest du ablehnen, du wärst bis an dein Lebensende versorgt gewesen!“

In den nächsten Tagen war das Pferd aus dem Stall verschwunden. Die Dorfbewohner fühlten sich bestätigt, sie gingen davon aus, dass es gestohlen worden sei und sagten: “Siehst du, so eine Chance, das Pferd für viel Gold verkaufen zu können, bekommst du nie wieder!“
Der alte Mann aber erwiderte nur: „Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, ich weiß nur, dass das Pferd jetzt nicht mehr in meinem Stall steht!“ Er war traurig, dennoch im Frieden und frei von jeglichen Vorwürfen an sich oder andere.

Eines Abends, mehrere Wochen später, kehrte das Pferd überraschend wieder zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch noch ein Dutzend wilder Pferde mit - eines schöner als das andere.
Wieder versammelten sich die Dorfbewohner und stellten fest: „Alter Mann, du hattest recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als Segen erwiesen, dass du es nicht verkauft hast, jetzt hast du 13 Pferde!"
Der alten Mann aber erwiderte nur: „Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, ich weiß nur, dass jetzt mein Pferd und noch 12 weitere Pferde in meinem Stall stehen! Er freute sich.

Der Sohn des alten Mannes begann nun, die Wildpferde zuzureiten. Dabei fiel er von einem dieser Pferde und brach sich ein Bein.
Wieder versammelten sich die Dorfbewohner und wieder urteilten sie: "Was für ein Unglück! Dein einziger Sohn kann nun nicht mehr richtig gehen, er war die Stütze deines Alters. Er kann dir bei der Ernte nicht mehr helfen und ihr werdet im Winter Hunger leiden. Jetzt bist du ärmer als je zuvor!"
Der alte Mann aber erwiderte nur: „Ich weiß nicht, ob es gut oder schlecht ist, ich weiß nur, dass mein Sohn jetzt gehbehindert ist.“ Er war vorübergehend im Schmerz und in Trauer, aber ohne Hader und Leiden.

Es begab sich, dass das Land nach einigen Monaten in einen Krieg verwickelt wurde. In der Region wurden alle jungen Männer zwangsweise zum Militär eingezogen, nur der Sohn des alten Mannes wegen seiner Behinderung nicht. Der ganze Ort war von Wehklagen erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war und man wusste, dass die meisten Eingezogenen nicht mehr zurückkehren würden.
Die Dorfbewohner kamen wieder zu dem alten Mann und jammerten: "Du hattest recht alter Mann, es hat sich als Segen erwiesen, dein Sohn ist zwar behindert, aber immerhin ist er noch bei dir!"
Der weise alte Mann aber ward stumm und dachte: „Sie verstehen mich nicht!“ Natürlich war er froh, dass sein Sohn noch bei ihm war und er war traurig mitfühlend, dass die anderen Eltern nun keine Söhne mehr hatten.

Der Verfasser der Urversion ist mir nicht bekannt - obige Version wurde von mir modifiziert.


Altshausen, den 03. April 2014, geändert 30. Nov. 2014 und April 2015
Oswald Horn