Ärger - Brief an einen Freund


Lieber Freund,

wenn du Probleme mit Anderen hast, wie mit dem Vorgesetzten, der dich drangsaliert oder dem Nachbar, der das ganze Wochenende über die Waschmaschine nebenan laufen lässt und du keine Möglichkeit siehst, diesen Menschen in deinem Sinn zu verändern oder ihm aus dem Wege zu gehen, dann bleibt dir keine andere Wahl, als diese Störungen zu akzeptieren sofern du nicht weitere Probleme bekommen möchtest. Natürlich solltest du im Vorfeld alles versuchen, die Quelle der Störung abzustellen, d. h., die Situation zu verändern. Dabei kannst du zwar Selbstbehauptung trainieren - aber Vorsicht - du kannst dir dabei auch weitere psychische u. evtl. sogar physische Verletzungen einholen, besonders dann, wenn der Gegner unnachgiebig ist und mehr Macht hat und du den Ausdruck deiner Wut an seine Einsicht koppelst. Ausdruck deines Ärgers deinem Chef oder Nachbar gegenüber macht nur Sinn, wenn du bereit bist, alle Konsequenzen zu tragen, die dieser Ausdruck zur Folge haben könnte. Berücksichtige neben den psychischen durchaus auch die wirtschaftlichen und rechtlichen Folgen.

Akzeptieren bedeutet, dass du den Fokus / die Aufmerksamkeit vom Störenfried weg auf dich lenkst, ohne den Übeltäter willentlich auszugrenzen. Ausgrenzen und Spaltungen sind nebenbei bemerkt die Wurzel von Konflikt und Krankheit psychisch und sozial-kollektiv von Krieg.

Beim Anderen gibt es „Nichts zu holen“, außer, dass du deine „Ärger-Hülse“ immer wieder neu auflädst, was dir nicht hilft sondern nur schadet. Es führt zu Hader mit dem Betreffenden, der Welt, mit dir selbst und mündet in eine subtile destruktive Grundhaltung, die zu einer übermäßigen Ladung, ein Festhalten von Energie, zu einer Dauerfrustration, Resignation und ausgeprägten Erschöpfung führt. Mit ihr programmierst du dich auf Suchtverhalten, falls du potentiell diesbezüglich gefährdet bist. Auch andere gefährliche Verhaltensweisen können damit latent induziert werden wie Suizid, riskantes Verhalten im Straßenverkehr und andere gefährliche „Spiele“, wenn die Energie nach außen geht. Wenn sie nach innen geht, falls du zurückhältst, kann es zu vielfältigen somatischen und psychosomatischen Beschwerden bis zu psychiatrischen Erkrankungen kommen.

Der Andere ist nur der Auslöser - wie ich dir früher schon gesagt habe. Das Problem bist du selbst! Auf dieser Welt gibt es kein Problem, Schwierigkeiten ja, der Mensch ist für sich (subjektiv) das Problem!
Er steht sich, durch sein nur bedingtes Ja zu sich und zur Welt, selbst im Wege. Deshalb solltest du, wenn du eine (Er-)Lösung haben willst, den Focus auf dich lenken!
Mir fällt dabei die alte, humorige Geschichte aus dem Sufismus ein, in der Jemand seinen verloren Schlüssel im Laternenschein sucht. Auf die Frage eines Passanten, wo er ihn verloren habe, zeigt er nach hinten ins Dunkle. Und auf die Frage, warum er dann hier suche, antwortet er: „Weil es hier hell ist!“
 
Du hast das Problem, die Enttäuschung über das „versaute“ Wochenende, in dem du ja gerade dich erholen wolltest nach der strapaziösen beruflichen Woche, ausgelöst durch den ungerechten, cholerischen Chef! Da du von deinem eigenen Vorsatz nicht loslassen willst, obgleich er nicht realisierbar ist, programmierst du dich zusätzlich auf Frust und Stress! Du kämpfst gegen die Störung, anstatt dass du dich stören lässt, „spiel keine Eiche sondern sei ein Grashalm, der dem Wind nachgibt.“ Der Grashalmprozess würde dir vorrübergehend und evtl. mit Nachwehen etwas Trauer oder psychischen Schmerz, ganz am Anfang evtl. kurzen Zorn bescheren, je nach dem, wie bedeutsam die Angelegenheit für dich insgesamt ist. Dies würde zur Verabschiedung vom erholsamen Wochenende gehören und wäre ganz natürlich. Bei Tieren, vielen Kindern und "klaren" erwachsenen Menschen sind in vergleichbaren Situationen solche Gefühle zu beobachten. Sie sind nach relativ kurzer Zeit dem Übeltäter und sich selbst gegenüber wieder offen. Ihr System ist dauerhaft frei, da sie Nichts festhalten. Dies stellt keine Naivität dar, sie sind sich zukünftiger Gefahrensituationen durchaus bewusst und werden deshalb weder über- noch unterreagieren (verzögert). Diese Menschen verhalten sich situationsspezifisch optimal. Die überladene Person hat die Neigung zu explodieren (Gefahr der Kriminalität) oder zu implodieren (Gefahr der Krankheit). Bedenke, deine Reaktionen auf die verschiedenen Ereignisse kumulieren sich, dein Chef- und dein Waschmaschinenproblem, wobei die Chefsache direkte Wirkung in Form des starken Erholungswunsches und indirekte Wirkung in Form des Ärgers, den du mit nachhause bringst, hat.
Die Lösung für dich wäre, dass du möglichst schnell von deinem Vorsatz loslässt und die Störung akzeptierst. Da du dies aber nicht oder noch nicht willst, kannst du diese Empfehlung logischerweise auch nicht realisieren!
Aus dieser (deiner) Umgangsweise resultiert deine Äußerung mir gegenüber: „Das ist leicht gesagt!“ Wobei du damit wieder von dir ablenkst, deine Aufmerksamkeit - in diesem Fall - auf mich lenkst, anstatt auf dich, denn dann müsstest du dir sagen, dass du es nicht kannst! Müsstest dir überlegen, warum du es nicht kannst, anstatt am Anderen in deiner gewohnten Weise rumzumosern.

Bemerkst du, dass du oft beim Anderen anstatt bei dir bist? Du siehst dich oft als Opfer widriger Umstände, erkennst nicht deine eigene Täterschaft! Dies ist dir nicht möglich, weil du dir und Anderen gegenüber eine Maske (stark sein, viel aushalten können u. dergl., - schließt sog. weiche Gefühle aus) aufrechterhältst. Du erlaubst dir selbst gegenüber nicht, sie zu lüften.
Solange du nicht bereit bist, dich so zu nehmen, wie du wirklich bist - nackt, ohne Maske - und selbst, wenn dabei ein noch so „armseliger Hund“ zum Vorschein kommen sollte, kann aus meiner Sicht keine wesentliche Veränderung / Transformation und damit Heilung erfolgen. Alles andere ist ein Plätschern an der Oberfläche. Eine seichte Angelegenheit, die leider Jeder unterstürzt, der mit dir Mitleid hat. Vermutlich wirst du auch manchmal gemieden, weil die Anderen dein häufiges Gejammer nicht mehr hören können.

Dies ist auch der Grund, weshalb du große Schwierigkeiten hast, dich wirklich offen ins Gespräch einzubringen. Wenn du dich bisher mit obiger Maske eingebracht hast, von mir deshalb eine „auf`s Dach“ bekommen hast, denn ich will ja nicht die Maske mit dir polieren, dann tut dies weh. Du fühlst dich verletzt, die Maske hat einen Schlag gekommen, du hältst sie erst recht weiterhin hoch. Dies ist sehr anstrengend. Du bist mit ihr identifiziert!
Lass los von dieser Identifikation, dann gibt es auch keine Verletzung mehr. Wenn du von diesem Unterfangen noch nicht loslassen willst, was dir frei steht und aus meiner Sicht ganz in Ordnung ist, dann beobachte wenigstens diesen „Unsinn“ aus einer Gegenwärtigkeit heraus, ohne dich mit ihm zu identifizieren und ohne dich zu verurteilen. Du weißt aus anderen Gesprächen mit mir, was ich mit Innehalten meine. Siehe evtl. auch den einen oder anderen Aufsatz auf meiner Homepage.

In deiner Essenz bist du viel mehr als so eine Maske / Vorstellung! Dann könnte bspw. aus dem „armseligen Hund“, der du auch nicht wirklich bist, es ist nur eine Maske unter der Maske, dein Wesenskern zum Erscheinen kommen. Die bedingungslose Akzeptanz deinerseits, sie ist kein sich Aufgeben, es ist „Hingabe“, macht dich frei und aus dieser „Weite“ wächst Freude, die deine Natur ist. Je öfters du diesen Prozess durchläufst, umso intensiver wird er. Male dir diese Weite und diese Freiheit und die damit verbundenen Möglichkeiten aus, vielleicht erahnst du jetzt schon, was dir blühen könnte. Die Realisierung dessen würde dir Zugang zu einer tieferen Liebe eröffnen. Die ganzen „Verrenkungen“ würden entfallen. Zu viel mehr Menschen könnte sich guter Kontakt ganz einfach einstellen. Du würdest Menschen mit offenem Herzen gleichsam anziehen und nicht mehr die Unzufriedenen. Diese Kontakte sind dann "Energiequellen" und keine Energieräuber mehr.

Mit lieben Grüßen


 

Altshausen, den 15.04.2015
Oswald Horn