Dankbarkeit


Von Eltern, Pädagogen, Würdenträger verschiedenster Religionen u. a. Autoritäten hören wir oft: „Sei dankbar!“
Dankbarkeit lässt sich, obgleich es ein moralisch-ethisch hohes Gut ist, nicht verordnen. Was an Erziehungsergebnis dann meist herauskommt, ist ein schlechtes Gewissen, Scheindankbarkeit oder Widerstand in Form von Ignoranz oder Rebellion.
Aber selbst, wenn die Aufforderung zur Dankbarkeit nicht von außen kommt, sondern von der betreffenden Person selbst ausgeht, weil sie bspw. erkennt, dass Person X ihr viel gegeben und sich für sie sehr aufgeopfert hat, und von daher ihr gegenüber dankbar sein möchte, kommt dies einem rein rationalen Akt gleich. Die entsprechenden Dankbarkeitsäußerungen sind dann nur leere Worthülsen.
Dankbarkeit lässt sich nicht durch eine Willensentscheidung, Schlussfolgerung oder Reflexion installieren.
Dankbarkeit muss gefühlt und es muss ein spontaner Ausdruck sein! Wir sind dann berührt und damit in Verbindung, in Resonanz mit der Person bzw. dem Ereignis. Es ist im Erleben und energetisch betrachtet ein Schmelzungsprozess. Echte Dankbarkeit ist nicht das mentale Produkt von Überlegung und Abwägung, sondern Ausdruck eines bestimmten Bewusstseinsniveaus. So wenig wie Dankbarkeit bzw. dankbarer sein zu wollen, ist mehr Bewusstsein auch nicht durch einen bloßen Akt der Entscheidung möglich. Im Gegenteil, wir müssen aufhören zu wollen. Wir müssen erst mal uns selbst gegenüber unsere Undankbarkeit eingestehen, ohne uns zu verurteilen und das mit absoluter Akzeptanz. Wir müssen sie fühlen – es handelt sich um ein eher traurig-schmerzliches Erleben. In diesem Prozess müssen wir mit voller Wahrnehmung ganz gegenwärtig solange verweilen, bis er abgeklungen ist. Dieser Umgang schafft mehr Bewusstsein und damit die Voraussetzung für wahrhaftige Dankbarkeit und Freude.
Freude ist der emotionale Ausdruck von Dankbarkeit. Es liegt also nicht an der Blume, die vielleicht doch nicht so schön ist, wie sie idealerweise sein könnte oder an der bestandenen Prüfung, die noch besser ausfallen hätte können usw., sondern an mangelndem Bewusstsein.
Wir müssen innehalten im gegenwärtigen Augenblick, um uns unserer Undankbarkeit bewusst zu werden. Das ist die „Tatsache“! Nur auf dem Boden der Tatsachen ist echte Veränderung möglich. Wir dürfen die Mischung, meist aus Trauer und Schmerz, auch wenn sie noch so gering sein mag, nicht in gewohnter Weise überspringen, nur weil sie unangenehm ist, uns ablenken auf irgendeine Weise, wie bspw. sich jetzt neue Vorsätze für die Zukunft vornehmen. Diese Aktion wäre nur Ausdruck des schlechten Gewissens und würde nichts bringen. Denken, Reflektieren, Schlussfolgern, alle mentalen Aktionen sind in diesem Zusammenhang hinderlich. Sie bewirken und halten energetische Blockaden aufrecht und liefern damit den Nährboden für Konflikt und Krankheit.
Wir sollten uns also mit der Tatsache konfrontieren. Du bestimmst mental nicht wie lange der unangenehme Zustand andauert. Der Prozess zeigt es dir.
Genau so ist es, wenn du im angenehmen Gefühl der Dankbarkeit bist. Auch dieser Prozess zeigt dir, wie lange er dauert.
Er kann durch verschiedene Ereignisse ausgelöst werden. Im allgemeinen wird er durch eine bestimmte Person, die Schönheit eines Landschafts-Panoramas, eine bestandene Prüfung, eine vollbrachten Arbeit oder durch andere Ereignisse bewirkt. Aber warum Dankbarkeit nur gegenüber spezifischen Ereignissen und Lebensumständen und nicht Allem gegenüber. Der Tatsache, dass wir durch unser irdisches Dasein überhaupt am Leben teilnehmen dürfen, einschließlich all dem Feedback, das wir ständig erfahren, oft in Form der Naturgesetzen und anderen „widrigen“ Lebensumständen, denen wir zuwider handeln wollen, wäre doch auch schon Grund genug!?
Durch laufende Rückmeldungen erfahren wir im Kontext der Ganzheitlichkeit, ob wir wollen oder nicht, ob, wo und wie es weiter gehen könnte. Auch für jede schlechte Note, die wir erhalten, nicht bestandene Prüfung usw. , sollten wir dankbar sein. Denn so wird gezeigt, ob wir uns mit der Angelegenheit/Materie noch ausführlicher beschäftigen, mehr trainieren oder die Richtung ändern müssen, als Schüler bspw. einen anderen Schultypus aussuchen, den Beruf wechseln usw. Dies setzt natürlich voraus, dass wir dann von bisherigen Vorstellungen und Absichten loslassen müssen und dass wir nicht nur für das sog. positive Feedback offen sind, sondern auch für das sog. negative.
Unser ganzes Kollektiv, besonders das der Deutschen, ist allzu schnell mit Verurteilung zur Hand. Viele Gesellschaften stehen mit Fehlern und Missgeschicken auf Kriegsfuß. Es wird Zeit, dass wir ehrliches negatives Feedback und die daraus resultierenden Konsequenzen schätzen lernen. Wir müssen mit dem Verurteilen und dem negativen Bewerten aufhören und stattdessen den Tatsachen und den dabei ausgelösten Emotionen ins Auge schauen - das tut manchmal weh. Wenn wir Fehler gemacht haben oder widrige Umstände auftauchen, sollten wir sie solange ohne Wertung spüren, d. h., den Gesamtprozess ins momentane Gewahrsein nehmen, bis er abgeklungen ist. Dies geht mit dem Loslassen alter Vorstellungen und Absichten einher. Ein solcher Prozess macht uns offen für das uns Machbare und er lässt uns unsere Berufung und unsere tieferen Interessen relativ schnell erkennen. Nur so können wir am Abenteuer Leben viel Freude und Leichtigkeit erfahren. Wir können dann dankbar sein, dass wir überhaupt leben.
Niemand hat ein Anrecht, dass seine Wünsche in Erfüllung gehen. Wenn sie dennoch in Erfüllung gehen, ist dies doch Grund zur Freude. Nicht damit zu verwechseln aus einem Erfolg, Stolz und andere narzisstische Anteile zu pflegen, dies wäre dann ein egozentrisches Verhalten und hat nichts mit Dankbarkeit und Freude zu tun.
Der Prozess, Dankbarkeit zu fühlen, ist äquivalent mit dem Prozess, Freude zu erleben. (Siehe den entsprechenden Aufsatz auf dieser Website.) Dies alles hat was mit Liebe zu tun.

Wir sind kein isoliertes Individuum, wir sind vielen Feldinteraktionen ausgesetzt, intern und extern. Nur wenn wir das Ganze wahrnehmen, kommen wir der wirklichen Realität (Wahrheit) näher. Unser Wille, eine kleine Einheit des Ganzen, lässt sich nur realisieren, wenn er konform ist mit den übrigen Prozessen des Ganzen. Es sind „heilige“ Prozesse“. Je schneller wir umschalten, d.h., das im Augenblick Nicht-machbare bzw. die dazugehörigen Lebensumstände akzeptieren, um so leichter und einfacher wird das Leben. Je weiter jemand mit seinem Bewusstsein fortgeschritten ist, um so mehr nimmt er wahr, als ob er gelenkt werden würde. Diese Erfahrungen schaffen tiefes Vertrauen und Dankbarkeit. Ausschließliches Vertrauen in den Intellekt, in das rein mentale Geschehen, was unsere momentane Welt so favorisiert und praktiziert, schafft vielfältige Spaltung im Sinne von Krieg, (Umwelt-) Zerstörung, Katastrophen und Krankheit.
Wenn wir Dankbarkeit in diesem umfassenden Sinne erleben würden, wäre uns destruktives/spalterisches Verhalten nicht mehr möglich. Was wäre wichtiger bei den anstehenden Umweltveränderungen!? Es liegt in unserer Hand, sie zu verhindern oder zumindest abzufedern.


Altshausen, den 01. Oktober 2019
Oswald Horn