Denken und Zeit bei der Lösung psychischer und kollektiver Probleme – die Tatsache


Die Lösung besteht darin, sich der jeweiligen Tatsache zu stellen!
Der Begriff „Tatsache“ von J. Krishnamurti zwingt in diesem Zusammenhang zu einer völlig neuen Betrachtung. Spätere Autoren wie Eckhart Tolle, Frank Kinslow und viele mehr, wurden davon wissentlich und unwissentlich stark beeinflusst. Dem Zen-Buddhismus war im Wesentlichen diese Wahrheit schon bekannt. Namhafte Autoren wie Fritz Perls, der Begründer der Gestalttherapie; Karlfried Graf Dürckheim, Begründer der Initiatischen Therapieschule; Williges Jäger, Benediktinermönch mit zen-buddhistischer Orientierung u.a. haben diesem Aspekt nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt, bzw. was wahrscheinlicher ist, ihn in seiner Bedeutsamkeit nicht erkannt. Die Zeit war anscheinend für diese Wahrheit noch nicht reif! Die kollektive Bereitschaft, wie sie sich heute zeigt, hat sich diesbezüglich positiv verändert.

Was sind psychische Tatsachen?
Es sind subjektive Gegebenheiten, die innerhalb eines psychischen Prozesses erkennen lassen, wo der betreffende Mensch gerade steht.
Du hast beispielsweise den Willen (Vorsatz, Absicht, Verlangen, Erwartung, Wunsch ...) etwas zu verändern. Solange es in deinem Einflussbereich liegt, dann tue es - kein Problem oder lass es, wenn du kannst - auch kein Problem.
Wenn du jedoch die Absicht hast, etwas zu verändern und es funktioniert nicht, machst du dich nur hilflos und ohnmächtig oder es gelingt nur kurzfristig und du fällst wieder in dein altes Muster zurück. Viele Menschen beginnen dann mit Vermeidung vielfältiger Art, sich und andere auszutricksen, z.B. die Angelegenheit zu bagatellisieren, sich selbst abzuwerten, das Thema anders zu gewichten, die Aufmerksamkeit, wo anders hinzulenken u.a.m.

Was tun?
Dein Blick muss zunächst jedenfalls auf dich selbst gerichtet sein und nicht auf das Umfeld, bspw. deinen Partner, der sich von dir distanziert hat. Du kannst ihn nicht zwingen, dich zu lieben. Du kannst bei ihm evtl. Schuldgefühle auslösen, so dass er sich dir zwar vordergründig wieder zuwendet, aber ohne Herz - ist das in deinem Sinn? Kann er es machen, dich wieder zu lieben? Hat er Schuld? Da gibt es i. Allg. wenig zu holen. Wende also in diesem Fall den Blick auf dich selbst.
 
Der gute Vorsatz führt also auch zu nichts! Und je öfters der Vorsatz erfolglos wiederholt wird, umso unglaubhafter machst du dich vor dir selbst und dem Umfeld.
Eine weise Entscheidung wäre, von dem Willen, der dir zum Problem nur einen zusätzlichen Konflikt beschert, loszulassen und damit weniger extra Druck und Spannung zu haben. Die Erfahrung bestätigt dies - allerdings nur unter bestimmten Bedingungen!

Warum ist das so?
Wenn du eine Absicht hast, bist du mit deinem Bewusstsein in der Zukunft, die es noch gar nicht gibt. Deine Absicht ist motiviert, von dem was du in der Vergangenheit erfahren hast. In jeder Absicht steckt also auch die Vergangenheit, die es ebenfalls nicht gibt.
Du verschränkst dich gleichsam zwischen Zukunft und Vergangenheit. Es sind nur mentale Aspekte, differenzierter betrachtet Repräsentanten der Realität, nach
J. Krishnamurti Illusionen und keine Tatsachen. Illusionen geben für eine Lösung nichts her!
Eine Transformation kann nur geschehen, wenn du dich bewusst deiner subjektiven Tatsache im Koordinatenschnittpunkt der örtlichen und zeitlichen Dimension stellst. Vollkommende Gegenwärtigkeit bspw. in deinem Körper, denn er bietet sich geradezu als das Hier an, ist die Voraussetzung für eine Entwicklung - es  liegt nicht in deiner Hand, dich direkt zu verändern. Der Wille dazu stellt sogar eine Bremse dar.

„Freies Beobachten“ des eigenen Prozesses ist nach Krishnamurti angesagt, eine Ent-Identifikation vom Denken, Wollen, Fühlen und vom Körper ist erforderlich. Manche Autoren beschreiben es als „Zeuge sein“. Kein Nein gegen etwas, was in deinem Bewusstseinsraum geschieht bzw. auftaucht. Der Tatsache soviel Raum geben, wie sie haben möchte. Wenn du dazu nicht in der Lage bist, beobachte dein Nein ebenso, mache es zum Gegenstand der Betrachtung. So kann, wenn es sein soll, essentieller Wandel geschehen. Wenn du bspw. von etwas loslassen willst, kann es nur geschehen, wenn du aufhörst loslassen zu wollen - nach Ramesh S. Balsekar, S. 215, s.u. Aufsätze, Homepage-Literaturliste.

Jegliches aktive Denken stellt ein großes Hindernis dar. Es ist ein Gewahrsein vollkommener Gegenwärtigkeit gefordert, frei von absichtlichem Denken und frei von anderen mentalen Aspekten wie Wollen, Auf- und Abwertung, Vergleich, Wegschieben und Festhalten. Diese jeweiligen Machenschaften, die was anderes bezwecken als das, was gerade da ist, stellen einen mentalen Widerstand dar. Sie enthalten ein subtiles Nein gegenüber der gegenwärtigen Situation. Wenn vorhanden - nicht schlimm - mache sie zum Betrachtungsgegenstand. Identifiziere dich damit nicht. 

Was bedeutet Gegenwärtigkeit?
Gegenwärtigkeit, wo es keine Vergangenheit und Zukunft gibt, nur jeweils den Moment, bedeutet Zeitlosigkeit. Auf der subjektiven Ebene hat es nie etwas anderes gegeben als den Moment. Auch die sog. Vergangenheit hat nur aus damaligen gegenwärtigen Momenten bestanden. Ebenso wird die Zukunft sich nur aus gegenwärtigen Momenten konstituieren. Es gibt also immer nur den Moment, sonst nichts! Dessen sollten wir uns unbedingt bewusst sein. Nur dann kann Transformation geschehen! Die Momente sind auch nicht als kleine Zustände mit Mikrozeiteinheiten zu verstehen, es handelt sich um ein prozessuales Geschehen.

Alles andere bedeutet, sich in Illusionen zu verwickeln. Wir investieren damit Energie in Illusion. Diese Energie steht uns dann nicht mehr zur Verfügung. Sehr viele Menschen sind dieser Vorgehensweise verfallen.
Ich erinnere bspw. an die vielen toten Gesichter der Menschen, die feierabends in der U-Bahn unterwegs nachhause sind. Die Menschen sind geistig wo anders als dort, wo sie gerade sind, sie sind ziemlich energielos. Es handelt sich um krankhafte Prozesse individueller, aber auch kollektiver Art.
Keineswegs ist damit gemeint, dass du gegen Denken und andere mentale Aspekte wie Erinnern, Absichten, Wollen u. Ähnliches oder gegen Gefühle und Köperempfindungen ankämpfen solltest. Ein solches Unterfangen würde nur den Stress erhöhen. Du solltest dich mit diesen Aspekten nicht identifizieren, sie nur ganz gegenwärtig im Hier wahrnehmen.

Die Erfahrung zeigt, dass in Kürze, wenn du gegenwärtig bist, in deinem System wieder Energie strömt, du spürst wieder mehr Lebendigkeit.
Glaube mir jedoch nicht, sondern mache deine eigene Erfahrung. Glauben, Theorien, Philosophien und jedes andere Konzept - gleich jedweder Autorität - sind ebenfalls mentale Aspekte. Sie sind bestenfalls Repräsentanten der Wirklichkeit, aber nicht die Wirklichkeit selbst. Sie sind „Vorstellungen“ und stehen gleichsam zwischen dir und der Wirklichkeit und verhindern dir den direkten Zugang zur Wahrheit. Ebenso stellen eigenen Erfahrungen von gestern für dich ein Konzept dar. Die Verbindung zur Ganzheit sollte stets präsent sein, wir sollten auf „online“ geschaltet sein.

Nur wenn du dir der Tatsachen vollständig bewusst bist, kann Transformation geschehen! Aktives Denken produziert Zeit, sagt Krishnamurti!
Und wenn die Zeit vorhanden ist, wie schon angemerkt, gibt es keine Änderung oder Lösung oder gar Transformation.
Transformation kommt einer Bewusstseinserweiterung gleich, sie kann kontinuierlich oder mit einem Quantensprung erfolgen. Wahre Intelligenz mutiert sich. Es handelt sich um einen Schöpfungsakt.

Warum bedeutet Denken Zeit?
Unser Gedächtnis besteht aus abgespeichertem Wissen. Dieses Wissen kann uns bewusst sein oder auch nicht. Es kann in Form unbewusster Konditionierungen oder Gewohnheiten vorliegen. Zum Teil ist es Wissen, das uns unser Überleben gesichert und viele Erleichterungen bewirkt hat.
An der richtigen Stelle nachzudenken, hat nach wie vor seine Berechtigung! Du kannst natürlich ohne Nachdenken kein Haus bauen oder wenn du unterwegs bist, nicht wieder nachhause finden.

Durch aktives Denken kommt also die Vergangenheit, die vorbei ist, mit herein. Gleichzeitig werden viele unserer heutigen Absichten durch vergangene Erfahrungen motiviert. Somit katapultieren wir uns in die Zukunft, die noch nicht da ist.
Dieser fatale Prozess versperrt uns den zeitlosen, man könnte sagen, den unendlichen Blick zur Wahrheit. Wir können nicht mehr unvoreingenommen die Dinge auf uns zukommen lassen. Wir haben die „Unschuld“ verloren mit der gleichsam ein Kind durch die Dinge der Welt in Staunen versetzt wird. Dieses Kind ist mit der Wirklichkeit in Kontakt und durch diese Verbindung wird ihm Information zuteil. In diesem Moment kann sich wahre Intelligenz manifestieren. Ein schöpferischer Prozess kann sich entwickeln. Wir beschreiben ihn gemein mit Begriffen wie Intuition, Kreativität, mit der Ganzheit in Verbindung sein. Der Mensch steht sich dann durch sein aktives Denken nicht mehr selber im Weg. Nur ein „Justieren“ darauf ist erforderlich. So kommen sog. Gedankeneinfälle zustande - die Idee fällt uns zu. In der Straßenbahn und nicht am Schreibtisch durch Nachdenken fällt Albert Einstein eine wichtige Idee (Gedankenblitz) zu seiner Relativitätsformel ein.

Wir sollten aus der Vorherrschaft des Denkens aussteigen. Uns keineswegs damit gar identifizieren, es durchaus als wichtiges Handwerkszeug betrachten, das wir bewusst einsetzten können, aber keineswegs mehr.

Unsere Denkmuster haben tiefe Spuren hinterlassen. Sie haben unser Gehirn ent-sprechend geformt und damit bestimmte zerebrale Strukturen geschaffen. So sind viele gleiche Gehirne entstanden, das menschliche Gehirn, analog einer Ameise zum Ameisenvolk. Wir ticken alle ziemlich gleich. Der Mensch, der seit Jahrtausend Kriege führt, grenzt sich ab, greift an, verteidigt sich, möchte Vorteile haben, konkurriert u.v.m. Trotz Entwicklung in Technik, Soziologie, Pädagogik, Ethik, Medizin usw. führt die Menschheit immer mehr Kriege und gibt sich insgesamt immer destruktiver - von Mensch zu Mensch, aber auch der Natur gegenüber. Er rottet sich und die Natur aus, wenn er so weitermacht.

Trotz dieser morphologischen Festschreibung und der multiplen mentalen Konditionierungen ist es möglich - wie oben angedeutet - diese destruktiven Vorgänge zu deaktivieren und anderes Bewusstsein zu generieren. Wir würden längerfristig damit auch unsere Gehirne verändern.
Die Lösungsprozesse, die - wie wir gehört haben - nicht direkt in unserer Hand liegen, würden uns immer leichterer fallen. Noch erfordern sie großes Wachsein. Es genügt nicht, wenn nur einzelne Menschen diesen Prozess angehen, wir sind als Kollektiv dazu aufgefordert.

Ich bin mir im Klaren, dass es nicht möglich ist, dies einfach per Willensanstrengung zu wollen oder durch einen Druck von außen zu veranlassen. Ebenso wenig kann Jemand einfach das Rauchen aufhören oder von seinem Partner loslassen, der ihm nur schadet bzw. sich von ihm bereits innerlich oder auch schon äußerlich getrennt hat. Der Keim muss sich bereits in ihm befinden. Er muss gleichsam mit diesem Vorhaben mindestens potenziell schon in Resonanz sein. Auch vorschnelle „Lösungen“ bringen nichts. Sie sind oft nur kontraphobische Prozesse, die beruhigen und zur Passivität verführen.
Die Katastrophe in Fukushima hat dies in Deutschland deutlich gezeigt. Wir haben zwar „etwas gemacht“, die Abschaltung der Kernkraftwerke eingeleitet, aber unser Bewusstsein hat sich kollektiv wenig verändert, ähnlich das vieler unserer Nachbarländer, die durch Bagatellisieren sich auszeichnen. Beides kommt einer Beruhigung ohne tieferes Bewusstsein gleich.

Die Entstehung dieser o.a. Keime und damit auch die Entwicklung eines höheren Bewusstseins, kann nur entstehen, wenn wir uns im obigen Sinn der Bedrohung mit all ihrer Konsequenzen aussetzen, uns ihr wirklich stellen und das kann dauern, solange, bis sich in uns etwas ändert. Die Atomkatastrophe in Tschernobyl hat gezeigt, wie schnell wir zur Tagesordnung übergehen und vergessen, ohne wirklich die innere und die äußere Welt effektiv zu verändern.  

Ich kann als Außenstehender, als Freund oder Therapeut bestenfalls den Keimungsprozess anregen und behilflich sein, die Situation zu entfalten, um tieferes Interesse zu wecken. Ich kann ihn z.B. auf verschiedene Blumen aufmerksam machen, damit er erkennen kann, welche Blume, welche Farbe oder welcher Mensch ihn hinsichtlich Sympathie gerade am meisten anspricht.
Weder ein Außenstehender noch er selbst kann es willentlich bestimmen bzw. machen. Wir tun oft leider so, als ob dies in unserer Macht läge und reagieren entsprechend mit Selbstabwertung und Schuldgefühlen oder mit Vorwürfen und Verurteilungen der anderen. Die Erfahrung zeigt, dass, je öfter wir uns in diesem Bewusstsein befinden, das Erleben um so intensiver wird.

Der Betreffende darf vom Stand der subjektivem Betrachtung aus nicht im Werden (Entwickeln, Verändern) sein, sondern muss im Sein sein, damit eine „spontane Mutation“, etwas wirklich Neues, sich in seinem Bewusstsein kreieren kann - ein wahrhaft intelligenter Akt. Aktives denken wie Nach- oder Vorausdenken hat mit dieser Intelligenz nichts zu tun.

Du benötigst diese Lösungsmöglichkeit für deine persönlichen Konflikte. Durch deine Veränderung trägst du auch zur dringend notwendigen Veränderung des Kollektivs bei.
Eine tiefere Veränderung der zum großen Teil doch sehr unmenschlichen Bedingungen der Erdbevölkerung wie Hunger, Armut, soziale und politische Unfreiheit u.v.m. kann weder durch eine verordnete Welt-Ethik von oben noch durch eine noch so gerechte Parteipolitik einer bestimmten Gruppierung von Menschen, noch durch Nationalisierung bzw. Globalisierung nachhaltig bewirkt werden. Die Menschheitsgeschichte hat gezeigt, ob über friedliche Mittel, über Putsch oder über Kriege, dass die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Bedingungen, wenn überhaupt, nur kurzfristig veränderbar sind. Die Initiatoren hatten meist keine bösen Absichten, die Motive waren oft edel. Die Ursache ist keine Bösartigkeit, sondern mangelndes Bewusstsein eines Großteils der Beteiligten.
Ebenso wenig können wir mit guten Absichten und mit bloßer, guter Moral hierbei etwas nachhaltig zum Positiven bewirken. Die Städtedemokratien im alten Griechenland, die Befreiung aus der Feudalherrschaft europäischer Menschen durch die Besiedlung Nordamerikas, kommunistisch-sozialistische  Bewegungen in den Ostländern, Lenin mit der Oktoberrevolution und Gorbatschow mit der Perestroika in Russland, Mao mit dem großen Marsch und später mit der Kulturrevolution in China u.v.a., um nur einige wenige aufzuzählen, haben keine dauerhafte Verbesserung der Verhältnisse der Allgemeinheit bewirkt. Im Gegenteil, nur Verschiebungen haben stattgefunden, neue Gesellschaftsgruppierungen haben sich mit noch mehr Gewalt und Ungerechtigkeit etabliert. Ich denke in diesem Zusammenhang an die Siedler Nordamerikas versus Indianer/afrikanische Sklaven, dann innerhalb dieser Gruppierung, an die heute verarmten Arbeiter/Angestellten ohne Krankenabsicherung und Altersversorgung versus Finanz- und Wirtschaftswelt in den USA, im Osten, Staatskapitalismus/Parteimacht versus Volk, Oligarchen versus einfacher Arbeiter. Natürlich hat sich etwas verändert. Die alte Feudalherrschaft, die klassische Sklaverei und die ausgeprägte Benachteiligung der Frau gibt es in der westlichen Welt so nicht mehr. In Asien nehmen Unterdrückung und Ausbeutung (moderne, industriell organisiert Sklaverei) z.T. durch unsere Billigkäufe noch zu, zzt. besonders in der Textilbranche in Indien.
Mit der bloßen einmaligen Veränderung der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen und der Hoffnung, dass es sich dann schon selbst zum Positiven regulieren wird, ist es nicht getan. Ebenso bringen aufoktroyierte Kontrollen nichts, sie polarisieren und initiieren Gegenkräfte. Dies hatten vermutlich schon Gandhi und Mandela erkannt. Wir benötigen eine Spiritualität von unten her! Die Spiritualität von oben her über Institutionen politischer und religiöser Prägung verordnet und geschaffen genügt nicht. Sie kann von oben her bewusst durch Aufklärung und entsprechende Bildungsbedingungen unterstützt werden oder unbeabsichtigt durch Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Oscar Wilde hat von der Tiefe der Wahrheit erst durch das Leid erfahren und nicht auf der Sonnenseite des Lebens, als er noch in Wohlstand und Erfolg schwelgte, s. in „De Profundis“, 1897, den Briefen, die er im Zuchthaus geschrieben hat.
Aber benötigen wir nochmals einen Super-GAU, einen - direkt vor unserer Haustür um aufzuwachen? Die westliche Welt hat mehre Weltkriege gebraucht, Millionen von Tote produziert, um die Sinnlosigkeit von Krieg zumindest tangential zu erkennen! Benötigen wir den Untergang von Land und damit den Entzug der Lebensgrundlage von Völkern oder das Verschwinden eigener Küstenstädte, um mehr Umweltbewusstsein zu schaffen? Benötigen wir noch mehr Armut in dieser Welt, um Terrorismus zu produzieren. Die Symptome zu bekämpfen - wie George W. Bush leidliche erfahren musste - erzeugt noch mehr Terrorismus.
Allen diesen Schwierigkeiten müssen wir ins Gesicht schauen - sie in uns brennen lassen - jeder Einzelne! Daraus würden dann echte kreative Lösungen individueller und kollektiver Art entstehen. Mit Hilfe der modernen Medien über Vernetzung und Transparenz in kürzester Zeit mit vielen andern Menschen - ich erinnere an die Bewegungen in den arabischen Ländern in den letzten Jahren - könnten plötzlich gewaltige Bewegungen zustande kommen.
Diese Prozesse auf der materiellen Ebene würden dann Ausdruck der Manifestation der Vorgänge auf höheren Bewusstseinsebenen sein. Durch ein „Nicht-Hinschauen“ auf einer individuellen Ebene entsteht evolutionsgeschichtlich betrachtet sicherlich auch Bewusstsein und damit Wandel. Die letzten 5 Milliarden Jahre Evolution zeigt dies. Die Frage ist, ob wir die hierfür erforderliche (nicht-subjektive) Zeit noch haben. So betrachtet haben wir keine Zeit zum Trödeln, weder individuell noch kollektiv! Hetze jedoch würde uns auch nur blockieren.

Wenn wir uns gestatten, subjektiv zeitlos zu sein, gewinnen wir sinnvolle objektive Zeit, um unsere Problem zu bewältigen - ist dies nicht interessant und als Wortspiel gleichsam paradox?


Altshausen, den 23. April 2012;
Oswald Horn