Disziplin und Spiritualität


Wir sollten uns mit dieser Tugend wieder anfreunden. Sie wurde verbannt, da sie besonders in unserer deutschen Kultur überzogen und einseitig praktiziert wurde und damit auch viel Schaden angerichtet hat. Bei Disziplin assoziieren wir autoritäre Erziehung, Drill und Krieg nach preußischem Muster, eine von außen verordnete Vorschrift, die uns zumindest zum Teil verleitet hat, aus unserer Selbstverantwortungspflicht auszusteigen. Disziplin sorgte damals sehr für Zugehörigkeit und Identität. Immer, wenn wir uns mit etwas identifizieren, bringt das zwar eine gewisse Sicherheit mit sich aber auch Grenzen gegenüber dem Anderen. Und wie wir alle wissen, Grenzen müssen verteidigt werden, sie verführen zur Grenzerweiterung und damit zu Verteidigungs- oder Angriffskrieg - so schaffen wir im Großen, auf der kollektiven Egoebene, aber auch im Kleinen, auf der persönlichen Ebene, eine der wesentlichsten Grundlagen für Krieg.

Aber auch das Mönchstum hat über seine über 1000jährige Tradition in der christlichen Welt und noch zum Teil länger in anderen Religionen gerade über zu strenge Disziplin zu viel Leid geführt. Gottesnähe sollte erlangt werden, stattdessen wurde Körperfeindlichkeit und persönliche Lieblosigkeit praktiziert – letztlich „Gottesferne”.

Nach all diesen geschichtlichen Hintergründen in Verbindung mit dem Konsumüberangebot in der heutigen Gesellschaft, die durch Reizüberflutung uns abstumpft, uns über- oder unterladet, also „verrückt macht” – wir rücken aus unserer Mitte heraus bzw. sind von der Ganzheit getrennt – wirkt die Tugend Disziplin für uns heute nicht gerade anziehend.

Spirituelle Entwicklung und Disziplin scheinen auf den ersten Blick, nichts miteinander zu tun zu haben. Schon eher entspricht dem modernen Zeitgeist von Spontaneität und Intuition zu reden – es handelt sich dabei auch um unabdingbare Aspekte menschlicher Entwicklung.

Bewusstseinsentwicklungen können über Quantensprünge und/oder sehr allmählich erfolgen.

Besonders eine kontinuierliche Bewusstseinsentwicklung erfordert Disziplin, eine Tugend, die wir uns selbst „auferlegen”, um bestimmte Ziele zu erreichen. Wenn Disziplin von außen verordnet wird, nicht intrinsisch motiviert ist, wird sie nicht lange anhalten. Günstigstenfalls wäre sie dann nur eine Hau-Ruck-Methode, ein Yang-Yang-Prozess, die Puste würde uns schnell ausgehen, wir würden schlimmstenfalls kollabieren, auch wenn wir dies anfänglich selbst so mitgetragen hätten. Solche abrupte Prozesse sind gerade immer wieder bei Menschen zu beobachten, die scheinbar einen spirituellen Weg gehen wollen. Ich denke, kurzfristige Effekte sind so durchaus zu erreichen. Eine kontinuierliche Entwicklung erfordert jedoch stetige Disziplin.

Disziplin einhalten sollte nicht zum Selbstzweck praktiziert werden, sondern als ein Aspekt verstanden werden, wie ich etwas ereichen möchte. Es handelt sich um eine Voraussetzung oder noch differenzierter betrachtet, um eine entsprechende Haltung bzw. Einstellung für etwas, es handelt sich dabei also um das Wie. Das Was, das Ziel befindet sich (scheinbar) in der Zukunft und das Wie ist eine gegenwärtige Variante davon. Disziplin ist demnach eine Prozessvariante, die durch Gegenwärtigkeit gekennzeichnet ist. Die Zielerlangung darf nicht durch Fokussierung und durch eine Art Identifikation im Sinne einer zu großen Zielerwartung oder Zielsuche blockiert werden.

Diszipliniertes Verhalten ermöglicht beispielsweise über längere Zeit, etwas zu fokussieren. Der Prozess des Fokussierens führt zu einem Bündeln der Energie und damit zu mehr Schärfe zugunsten weniger Dichte an anderer Stelle. Genauso wichtig kann im jeweiligen Prozess eine Haltung, die durch eine gleichmäßige Streuung der Aufmerksamkeit über den ganzen Lebensraum gekennzeichnet ist, sein. Für Bewusstseinssprünge, also sog. qualitative Veränderungen und für quantitative Erweiterungen kann diese Art der Umgangsweise, also Disziplin Voraussetzung sein.

Disziplin impliziert, dass wir strukturieren. Wir sollten nicht zu viel strukturieren, dies bindet zuviel Energie, die uns dann im kreativen Potenzial fehlt und intuitive Impulse verhindert. Zu wenig oder gar keine Struktur verleitet uns jedoch zu chaotischen Prozessen. Sich auf Chaosprozesse bewusst einzulassen, kann für echte spirituelle Entwicklung sehr hilfreich sein. Sich in ein Chaos zu begeben und sich chaotisch verhalten, unterscheidet sich durch Bewusstheit. Chaotische Prozesse sind stets durch einen Mangel an Bewusstheit gekennzeichnet.

Diszipliniertes Handeln sollte von der Qualität her nicht nur den strukturgebenden und, wenn erforderlich, den „scharfen” und kräftigen Anteil, den Yang-Aspekt beinhalten, sondern auch den Yin-Anteil, der von einer Herzensqualität, von Verweilen und Ausdauer gekennzeichnet ist. Disziplin muss nicht Anstrengung und Leiden heißen, sie sollte mit einer gewissen Leichtigkeit und Freude einhergehen. Nur dann kann sie dauerhaft und ohne große Bindung von Energie praktiziert werden. Sie sollte frei sein von destruktiven Skriptanteilen und von sog. Verhaltensmustern.

Die Einhaltung von Disziplin ist bei schnellem Erfolg relativ einfach, denn diese Tugend wird dadurch bestärkt. Wir sollten uns stets bewusst sein, dass besondere Konsequenz erforderlich ist, wenn der Erfolg nicht wahrgenommen wird oder in ferner Zukunft liegt.

Derartig praktiziere Disziplin ist nur möglich, wenn das Ziel, wofür sie eingesetzt wird, für die jeweilige Person im Tiefen stimmig ist.

Spirituelle Entwicklungen sind individuell und kollektiv dringend notwendig und meiner Meinung nach die höchsten Ziele überhaupt.

Jeder, der wirkliche Erkenntnis gewonnen hat, wird automatisch diszipliniert, entsprechend konsequent und sobald als möglich das Verstandene durch Handeln realisieren. Es bedarf keiner extra Motivation. Jemand, der nur mental begriffen hat, wird die Erkenntnis nicht sofort, wenn überhaupt erst später durch Versuchen realisieren. Er ist gleichsam lau und weder kalt noch heiß. Vielfach bedeutet dies Stillstand und damit im Tiefen ein uneingestandenes Nein. Schon in der Bibel ist bei Johannes dem Täufer, Offb. (3, 16) die tiefe Lebensweisheit zu fingen: "Weil du aber lau bist, weder heiß noch kalt, will ich dich aus meinem Mund ausspeien." Das Eingeständnis zum mangelnden Interesse, zum Nicht-wissen, also zum Nein, würde die Möglichkeit schaffen, uns - unser ganzes System - dieser sog. Tatsache auszusetzen und uns so eventuell tiefere Erkenntnis gewinnen lassen. Wir würden heiß werden und somit zu einem echten Ja kommen. Erkenntnis wäre dann gleichbedeutend mit - zumindest interner, oft auch externer - Handlung. Es gäbe dann kein Drumherum und kein Aufschieben mehr, Evolution anstatt "Umvolution" ist angesagt. Wir sollten der Wahrheit ins Auge schauen.


Altshausen, den 22. September 2009
Oswald Horn