Erkenntnis durch Weisheit


Weisheit impliziert, kein Motiv und keinen Willen zu haben. Weisheit ist ein Verweilen in der Stille. Die Aufmerksamkeit ist auf die Stille gerichtet. Zunächst gibt es noch eine Dualität, den Beobachter und das Beobachtete. Später gibt es nur noch Stille.

Wir beobachten mit völliger Gegenwärtigkeit was in unser Bewusstsein gelangt, wenn nichts, ist es das Nichts! Durch die Freiheit von jeglichen Absichten können wir allgegenwärtig sein. Vergangenheit, Zukunft und die Identifikation mit mentalen Aspekten und anderen Inhalten des Bewusstseins wie Gefühle, Körperempfindungen u.a.m. spielen keine Rolle mehr. Das Stillsein kommt einer totalen Hingabe ohne Individualität gleich - es gibt keine Manipulation, keinen Täter und kein Opfer mehr. Erst mit dem Verschwinden des Empfindens, ein Macher oder Gemachter zu sein, kann das Selbst erstrahlen. Wir sind dann ganz präsent und voller Lebendigkeit. Langeweile und Zeitdruck, die Folge von Denken, gibt es dann nicht mehr. Ablenkung und Vermeidung in jedweder Form sind nicht mehr nötig. Probleme lösen sich auf und ein tieferes Verstehen ist möglich. Eine tiefere Intelligenz kann uns dann zugänglich werden.

Das Selbst, unser wahres, überindividuelles Wesen wird so erkennbar - das universelle Bewusstsein.

Dies bedeutet keineswegs Passivität. Unser Handeln wird spontan gelenkt von Resonanzen zwischen inneren Impulsen und äußeren Gegebenheiten. Unser Leben gleicht dann einem absichtslosen Abenteuer, wir sind dann intuitiv und kreativ - echte Erkenntnisse stellen sich ein. Wir sind dann mit großem Staunen und tiefer Freude begleitet mit Allem verbunden. Schönheit spricht uns an und wir lassen uns von ihr lenken. Wir sind dann im Sein oder wie Manche sagen in der Ganzheit und damit in der Liebe.

Ramana Maharshi, der Weise vom Berge Arunachala, gab dazu einen praktischen Hinweis.
Gedanken würden sich auflösen, wenn bei jedem Gedanken gefragt wird: "Wem ist der Gedanke gekommen?" Die Antwort sei: "Mir!" Er empfahl dann daraufhin zu fragen: "Wer ist Mir, wer ist dieses Ich, wer bin Ich?" Darauf würde der Denker in seinen Ursprung zurückgehen und die Gedanken würden zur Ruhe kommen.

Wichtig ist, dass wir bei diesen Fragen nicht auf eine Antwort warten oder eine solche suchen. Es genügt, wenn wir die Quelle der Gedanken, die Wurzel betrachten und dort verweilen - die Gedanken hören auf, Stille, das Selbst offenbart sich! Gedanken können nur produziert werden, wenn es einen Denker gibt. Verschwindet der Denker, dann verschwinden die Gedanken. Unser wahres Wesen sei ein individuelles Etwas, ein Zentrum, von dem aus wir uns orientieren, offenbart sich als eine Illusion.

Sri Aurobindo sagte, dass Erkenntnis durch Identität erfolgen würde. Nach ihm erkennen wir ein Ding, denn wir sind dieses Ding. Wir erkennen, weil wir sind, was wir erkennen. Alle holistischen Theorien erlauben diese Schlussfolgerung. Aber auch klassische Weisheitslehrer haben diesen Zusammenhang erkannt. Eine Inschrift am Tempel von Delphi lautete: „Erkenne dich selbst und du wirst das Universum und die Götter erkennen!“

J. Krishnamurti meinte, wenn vollkommene Aufmerksamkeit herrsche, gäbe es keinen Beobachter mehr. Die Dualität höre dann auf. Zu wirklicher Erkenntnis gelängen wir nur, wenn wir nicht mit dem Intellekt, mit dem Gefühl, sondern mit Liebe sehen würden.
Echte Veränderung und damit ein Verstehen kann niemals durch Denken in Raum und Zeit erfolgen. Nur in vollkommener Gegenwärtigkeit geschieht Transformation.

Inzwischen gibt es erfreulicherweise eine Reihe neuer Autoren, die von Obigem wissentlich oder unwissentlich inspiriert sind.

Mach bitte aus all dem Gesagten kein Konzept, denke nicht darüber nach, wer du bist, sondern realisiere! Denke auch nicht über die Wahrheit nach: „Ich bin, der Ich bin!“ Überlasse das den Philosophen, Theologen, Psychologen u. a. Experten - sie mögen intellektuell sein. Sei du weise!



S. a. den Aufsatz über Was ist wirkliches Verstehen?

>Altshausen, den 06. Februar 2013
Oswald Horn