Freiheit - aus spiritueller Sicht


Ein historischer Exkurs zum Begriff „Freiheit“ zeigt, dass anscheinend für manche Autoren, Freiheit ohne Konflikte und Widersprüche nicht möglich ist. Diese Sicht ist zunächst naheliegend, wenn wir uns die gesellschaftlichen Verhältnisse von früher und heute vor Augen führen.

Meiner Auffassung nach würden sich die „Freiheitswidersprüche“ auflösen, wenn wir ein offenes Herz hätten. Das ist ein sehr hoher Anspruch, der nicht per Willensentscheid, mental oder mit einer moralisch-ethischen Vorgabe/Vorschrift - die von oben, außen oder innen kommt - bewerkstelligt werden kann, insofern auch nicht von Religionen und Philosophien.

Jegliche Orientierung an interne und erst recht an externe Konzepte stellt für den Betreffenden eine mentale Einengung dar und damit eine „Unfreiheit“. Es gibt da noch viele andere Einengungen über unser Wertesystem, über Vergleiche, vielfältige Widerstände usw., auf die ich hier nicht weiter eingehen möchte. Sie haben ihre Geschichte in unserer Erziehung und sonstigen Beeinflussungen nicht nur vonseiten der Eltern, der Lehrer, der Peergroup sondern auch vonseiten des gesamten Kollektivs, welches durch Überbetonung von Leistung, Bildung, Wettbewerb, Abgrenzung, Profit und übertriebenes Sicherheitsstreben gekennzeichnet ist.
Ich möchte an dieser Stelle nicht ausführlicher werden, da ich mir im Klaren bin, dass ich damit bei vielen Lesern offene Türen einrenne.

Historische Ereignisse dieser pathologischen Prozesse müssen nicht notwendigerweise deren Ursache sein, denn äquivalente Bedingungen im Umfeld können dazu führen, dass sich das eine Kind später so und das andere ganz anders entwickelt und verhält.

Wie kommen wir aus diesen „Einengungen“, die oft nicht sonderlich bewusst sind, heraus? Durch Mut und gute Bildung alleine schaffen wir es sicher nicht, auch nicht durch eine Steigerung des Selbstwertes wie Pädagogen und Psychologen favorisieren. Wenn sich sonst nichts ändert, führt eine Steigerung des Selbstwertes sogar zu einer Verschärfung des Problems. Deutlicher ist, dass auch Minderwertigkeitsgefühle sicherlich nicht hilfreich sind.

Ich meine, wir müssen die Dimension Bewertung/Verurteilen verlassen, was nicht heißt, dass wir Fehler ausblenden, bestimmte unterschiedliche Qualitäten nicht klar erkennen dürfen - rot ist rot und gelb ist gelb und die eine Farbe spricht uns zu einem bestimmten Zeitpunkt mehr an als die andere usw. Aber gelb ist an sich nicht besser als rot, auch dann nicht, wenn für einen bestimmten Zweck diese Farbe günstiger sein mag als eine andere.

Jegliche interne Bewertung, die der Betreffende an sich vornimmt, führt zu einer Kontraktion seines Systems. Die Selbstabwertung, das liegt nahe, führt dazu, dass sich der Betreffende nicht erlaubt, spontan herauszukommen, er grenzt sich somit vom sozialen Umfeld ab, dadurch fehlt sein Anteil dem „Ganzen“ und das Ganze fehlt ihm.
Die Selbstaufwertung bläht das „Ding“ auf, mit dem sich der Betreffende identifiziert und fördert Überheblichkeit, engt auch ein, verleitet zur Selbstdarstellung und damit auch wiederum zur Abgrenzung - der Betreffende orientiert sich kaum an der Sache, sondern daran, wie er von anderen gesehen werden will, zumindest sind seine Taten im sozialen Kontext davon angereichert.
Er ist, wie das andere Extrem, nicht wirklich spontan. Das Mehr oder Weniger zwischen den beiden Polen ändert prinzipiell nichts. Aus meiner Sicht macht es keinen Sinn, von einem mittleren (gesunden) Selbstwertgefühl zu sprechen, es ist letztlich ein Zustand bei dem Selbstwert keine Rolle spielt, die Dimension Bewertung wurde sozusagen verlassen. Er ist frei davon.
Ein offenes Herz zu haben, bedeutet Zugang zu Spontanität und Intuition. Dies setzt „inneren Raum“ voraus: Freiheit. Voller Zugang zu Spontanität und Kreativität sind nur möglich, wenn wir frei von all den oben erwähnten Einschränkungen sind, erst dann können wir Verbindung zu einer höheren Intelligenz bekommen. Diese Intelligenz ist nicht mit dem Intellekt und der Bildung zu verwechseln.
Durch eine solche Offenheit wird erst eine Verbindung zum Ganzen für den Betreffenden möglich. Sie wird offenbar, sie war immer schon da. Diese Verbindung über ein offenes Herz zu etwas „Höherem“, fühlt sich nach meiner punktuellen - bei weitem nicht kontinuierlichen - Erfahrung als etwas wahrhaft Heiliges an!

Diese Verbindung kann nur vom Betreffenden selbst „installiert“ werden. Es kann ihm niemand abnehmen, niemand für ihn machen - kein Freund, kein Priester – egal welcher Couleur, weder östlicher noch westlicher Ausrichtung - was diese, wie die Geschichte zeigte, ja oft genug versprochen wurde.
In allen größeren Religionen hat es immer schon Gruppierungen gegeben, die Gottverbundenheit zum Ziel hatten: die Wüstenväter in den christlichen Religionen, die Sufisten und Derwische im Islam, die Buddhisten, die sich auf den Berg zurückgezogen oder die Hindus, die sich in die Höhlen begeben haben und viele mehr. Die eigentliche Wirkgröße dabei ist nicht die Religion an sich, sie mag wie die Erziehung und die Umgebung den Prozess begünstigen oder behindern, sondern Hingabe und "Gnade".
Die Akzeptanz von allem, was der Betreffende nicht ändern kann - ob angenehm oder unangenehm für ihn - muss bedingungslos sein. Da gibt es dann keinen Widerstand mehr und keine Hoffnungslosigkeit. Hoffnungslosigkeit kann es nur geben, wenn jemand die Absicht hat, zu hoffen. Analog gilt dies für die Ohnmacht, wenn jemand keine Macht/Kontrolle haben möchte, egal in welcher Form, dann entsteht auch keine Ohnmacht.
Ich finde, was auch andere, z. B. Dalai-Lama, sagen, dass man dazu weder auf den Berg steigen, noch in die Wüste gehen muss. Dieser Prozess kann zwar dadurch begünstigt werden, je nach persönlicher Anziehung zu dieser Örtlichkeit, keinesfalls durch Leiden und durch die Hoffnung, dadurch dann später (vor oder nach dem Tod) belohnt zu werden - früher eine sehr gängige Einstellung. Vermehrter sozialer Kontakt stellt u. U. durch das daraus sich ergebende Feedback eine effektivere Hilfestellung dar als Abgeschiedenheit.

Um von den psychischen Konflikten freizukommen, also zu innerer Freiheit zu gelangen, ist es erforderlich, dass wir die Dimension Ort und Zeit verlassen. Es stellt empfindungsmäßig/emotional und im Bewusstsein eine Qualitätsveränderung dar.
Die durch Denkverwicklungen gebundene Bewusstseinsenergie muss wieder frei werden, muss dem Menschen frei zur Verfügung stehen, damit er Freude und einen inneren Raum erfahren kann.
So kann sich unser Herz öffnen - wir spüren Liebe. Da gibt es auch keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Selbstliebe und Liebe zu anderen. Echtes Mitgefühl kann so entstehen. Es entsteht notwendigerweise kein Konflikt zwischen Innen und Außen, wie ihn manche postulieren. Unser Denken und all seine Derivate wie Wollen, Verlangen, Hoffen, Erinnern usw. sind wichtig, aber wir sollten lernen, diese Mittel bewusst gebrauchen zu können. Wir sind in unserer Essenz weder der Denkapparat noch der Körper.

Die wichtigste Frage ist: Wer sind wir? Was ist unsere Essenz?

Der einzelne Mensch kommt durch Realisierung der Gegenwärtigkeit in die Lage, einen Prozess bei sich in Gang zu bringen, der ihn von allen intrapsychischen Blockierungen freimacht. Er kommt zu mehr Offenheit. Das ist für die meisten ungewohnt und von daher schwierig. Anleitende Fremdunterstützung und Training kann dabei behilflich sein. Die Hauptschwierigkeit (muss kein Konflikt sein) besteht jedoch darin, diesen Prozess von Augenblick zu Augenblick ohne Anstrengung immer wieder aufs Neue aufrechtzuerhalten, es erfordert fortlaufende Präsenz, eine Kontinuität im Bewusstsein, die erst zu einer wirklichen und nachhaltigen Vertiefung führt.
Die Bereitschaft dazu ist entweder da oder nicht, der Mensch kann sie nicht ad hoc wollen. Denn jegliches Wollen versperrt ihm den Weg. Deshalb können all die vielen Suchenden nicht finden. Wenn sie jedoch aufhören zu suchen - was jeder tun könnte - dann evtl. fällt ihnen zu, was sie suchen. Konkreter gesagt, es war immer schon da, sie haben es nicht erkannt. Ebenso hinderlich ist Beten im Sinne von Bitten, um sich etwas zu erhoffen; die Absicht zu meditieren, ist schon kein Innehalten mehr und engt den notwendigen Freiraum ein, stellt also wie Beten ein Hindernis dar. Die Zukunft gibt es subjektiv nur im mentalen Bereich, sie ist keine „Tatsache“. Wenn die Zukunft zur Tatsache wird, sind wir in der Gegenwart. Vergleichbar ist es mit der Vergangenheit. Sie gibt es nur als Erinnerung, als einen mentalen Aspekt. Es gibt jetzige Spuren der Vergangenheit, die jedoch Bestandteil der Gegenwart sind, wie beispielsweise neurotische Muster, Konditionierungen und Blockierungen, die heute noch wirksam sind. Das heißt, dass Vergangenheit und Zukunft von der Psyche aus betrachtet, Illusionen sind. Auf Illusionen gebaut, kann kein tiefergehender Wandel erfolgen - egal auf welcher Realitätsebene - und keinesfalls kann sich dann ein qualitativer Bewusstseinssprung ergeben. Beim Flow-Effekt scheint für den Betreffenden die Zeit still zu stehen, es gibt dabei keine Zeitempfindung, außer hinterher, wenn er reflektiert.

Wenn ein Kleinkind durch das taufrische Gras eines Gartens krabbelt, ist viel Begeisterung, Vitalität und Neugier zu beobachten. Es sprüht gleichsam vor Freude und Lebenslust, es ist präsent und wenn es müde ist, legt es sich hin und schläft. Es quält sich nicht müde durch den Garten. Wenn wir einen Botaniker in diesen Garten - ohne einen bestimmen Auftrag - schicken, sehen wir einen ernsthaft angespannten Menschen, besonders sein Gesicht drückt es aus. Er nimmt den Garten weitgehend durch die Brille eines Botanikers wahr. Er ist mit Erinnern, Vergleichen, Merken, Abspeichern, Sortieren, Bewerten usw. beschäftigt. Sein Denkapparat läuft auf Hochtouren. Er schmeißt ihn gleichsam durch meist unbewusste, latente, aber auch bewusste Motive an.
Wenn er fündig wird, hat er ein Aha-Erlebnis, jedoch ein relativ kurzes, was letztlich auf einer alten Kamelle beruht:

Er hat das Verlangen, Wissen anzusammeln

- warum?, um kompetenter zu werden

- warum?, um einen besseren Unterricht machen zu können

- warum?, um vor sich und der Welt besser dastehen zu können

oder auch, um der Welt über seine Schüler besser dienen zu können usw.

Es können sehr fragliche oder auch sehr edle Motive sein. Er ist durch seine Absicht, etwas werden oder erreichen zu wollen, mental ziemlich verwickelt. Er ist intern so beschäftigt, dass er für das Außen, den Garten, die Pflanzen usw. buchstäblich in sich keinen Platz mehr hat.
Wenn wir nun nach mehreren Wochen Beobachtung der Beiden in diesem Garten einen Check machen würden, würden wir mit aller Wahrscheinlichkeit feststellen, dass das Kind im Garten nicht nur viel Freude und Abenteuer erlebt hat, sondern auch noch mehr davon zu berichten weiß als der Botaniker. Es war durch seine innere Freiheit mit dem Garten verbunden. Der Botaniker hat sich von ihm abgeschnitten, hat eine Art mentale Inzucht betrieben, es war für ihn anstrengend, keinesfalls erholsam, er wirkte nicht nur wie abgestorben, sondern ist es auf irgendeine Weise auch. Denn dieses Vorgehen praktiziert er ja nicht nur die paar Wochen im Garten. Das Kind hingegen lernt, ohne lernen zu wollen, und hat Freude dabei. Wenn wir bei Kindern solche Prozesse unterstützen und fördern könnten, würden daraus sehr viel „weise“ Menschen hervorgehen, im anderen Fall, bestenfalls Philosophen - die wir zweifelsohne brauchen - die sich viele Konzepte, Theorien, also sich viel Wissen angeeignet haben, und es auch gut reflektieren und weitergeben können – wohl aber meist sehr gestörte Menschen, die dann zwangsläufig diese Störungen, diese internen Spaltungen auch weitergeben. Unsere ganze Gesellschaft ist so voll davon!
Dies ist n. M. sicher einer der maßgebendsten Gründe unserer kollektiven/gesellschaftlichen Schieflage. Ob diese exzessive Fehlentwicklung, die durch diese Menschen verursacht wurde und weiterhin wird, eben durch diese Menschen wieder korrigiert werden kann?
Die folgenden Generationen sind chancenlos, wenn kein Paradigmenwechsel in der Erziehung und auf allen anderen gesellschaftlichen Ebenen erfolgt, die Schieflage wird exponentiell weiter nach unten abfallen und wenig später unumkehrbar ganz kippen.

Die Wahrnehmung, ihre Ausrichtung und die Dauer, sollten wir nicht, wie am Beispiel Botaniker gezeigt, durch latente, halbbewusste und bewusste Absichten bestimmen/lenken lassen, wir sollten uns nach Resonanzen zwischen Innen und Außen orientieren - es sind gewissermaßen spontane Prozesse. Bei jeder Person kann zu jedem Zeitpunkt eine andere Resonanz wirksam sein. Es sind spontan ablaufende Prozesse, wie bei einem Kleinkind, das einen Erwachsenen anschaut und wieder wegschaut, auch wenn der Erwachsene es durch Mimik und sonstige Manipulationen verführen möchte, ihn länger anzuschauen. Es ist noch nicht „käuflich“.
Wirklich präsent zu sein, ist keine einmalige Installation wie bei einer Maschine, wenn ein Schalter umgelegt wird. Das pure Wissen darüber bringt nichts, im Gegenteil, es stört und verführt zum Mentalisieren, es führt zu einer seichten bis zur Präsenzlosigkeit. Es ist dann eben auch nur ein Konzept, wie viele anderen auch, das mehr hinderlich ist, als dass es zur Bewusstseinserweiterung beiträgt.
Sogar die eigene Erfahrung von vor einem Augenblick, wenn von ihr nicht losgelassen wird, behindert den neuen Augenblick, ganz offen zu sein - auch dies wäre dann eine innere Unfreiheit. Es liegt nicht an der Problematik der Freiheit an sich, am „Freiheitsdefekt“; es ist eine vom Menschen gemachte Unfreiheit. Wenn diese Machenschaften aufhören, ist wieder Freiheit vorhanden. Es entspräche noch in diesem Leben gleichsam dem Wiedereintritt ins Paradies.
Natürlich erschweren die äußeren Bedingungen, die Erwartungen anderer, die vielen Stressoren diesen Prozess ungemein. Nicht umsonst waren die Priester aller Hochkulturen von der Arbeit der Nahrungsbeschaffung und den sonstigen gemeinen Arbeiten oft befreit, um ihrer spirituellen Arbeit im engeren Sinn nachgehen zu können. Ebenso hatten auch die Schamanen, Seherinnen usw., einen besonderen Status und nicht nur wegen ihrer Macht, Kraft ihrer Gabe und Fähigkeit. Vom gesunden Stress abgesehen darf die äußere Belastung nicht zu groß sein. Wenn die Gemeinschaft dies nicht billigt, tauchen externe Konflikte, die entweder oben skizziertes Vorgehen unmöglich machen oder den Betreffenden zu einem Ortswechsel auffordern.

Die äußeren Konflikte sind nicht das primäre Problem. Es sind die inneren Kriege, die sich als Spannungen und Spaltungen im und dann natürlich auch außerhalb des individuellen Systems zeigen. Die gängigen Psychotherapien können dabei kaum helfen.

Der Einzelne kann sehr weit kommen. Er kann sich sogar von all dem äußeren Druck, den Attacken, Erwartungen, wenn ihm absolute Hingabe möglich ist, befreien!
Dennoch ist der Grad und die Qualität seines Bewusstseins vom Umfeld abhängig, auch dann, wenn er die anderen in seiner spirituellen Entwicklung schon weit hinter sich gelassen hat. Da, von der nicht-materiellen Ebene abgesehen (selbst das ist fraglich), alles zusammenhängt, zieht wie an einem Gummiband hängend die Destruktion und der Krieg des Umfeldes ihn immer wieder zurück. Rückschläge entstehen und erhebliche Erschwernisse tauchen auf. Ich meine hierbei nicht die mentale, emotionale, soziale, politische oder ähnliche niederfrequente Ebene, sondern eine ganz feine hochfrequente Schwingung, die gestört wird - diese Begriffe, die aus der Naturwissenschaft entlehnt sind, sind nur als Metapher dieser Phänomene zu verstehen, aber ich denke, dass sie dem, was damit gemeint ist, nahekommen. Es handelt sich hierbei nicht nur um Wechselwirkungen auf der gleichen Realtitätsebene sondern um komplexe Interaktionen zwischen unterschiedlichen Realitätsebenen, die sich in Qualität und Frequenz unterscheiden.

Bewusstseinsspitzen Einzelner sind nur bedingt möglich. Die Konsequenz dabei ist, weg von der einseitigen Absicht eines Einzelnen, diese hohen Bewusstseinsebenen isoliert für sich zu erlangen und stattdessen möglichst früh, den Mitmenschen und dem Kollektiv als Ganzes behilflich zu sein. Dazu gehört, auf allen menschlichen Entwicklungs- und Bildungsstufen entsprechende Rahmenbedingungen und Anreize zu schaffen. Vermutlich erst dann, wenn vom gesamten menschlichen Kollektiv eine entsprechend große (kritische) Masse ein bestimmtes Maß an Bewusstsein erlangt hat, werden gleichsam die Restlichen „mitgerissen“. Es muss - wie beispielsweise Richard D. Precht, Joachim Kunstmann u. a. es tun - auf die Hemmnisse und Konsequenzen unseres heutigen Lebensstils, der durch Egoismus, Profitgier und Absicherung gekennzeichnet ist, liebevoll hingewiesen werden. Neue Konzepte für konstruktive Rahmenbedingungen müssen mutig diskutiert, skizziert und entwickelt werden. Die Realisierung im Tiefen muss jedoch letztlich jeder einzelne Mensch selber bei sich vornehmen. Echtes Mitgefühl kann nicht verordnet werden, schon gar nicht mit Druck, Drohung und Vorschriften und seien sie pädagogisch, psychologisch oder religiös noch so geschickt angewendet. Es bedarf eines „offenen Herzens“, einer tiefen Ehrlichkeit und Offenheit, einem inneren Drang nach Wahrheit und einer absoluten inneren Freiheit. Freiheit kann dann nicht missbraucht werden. Missbraucht wird Freiheit von Menschen mit „verschlossen Herzen“. Verschlossenes Herz bedeutet Grausamkeit sich selbst und der Welt gegenüber.
Das große Problem besteht darin, dass so viele Menschen verschlossene Herzen haben. Die tiefe Sehnsucht nach Liebe besteht - meist latent - gerade bei denen und anstatt sie zu erlangen, wird sie mit Süchten aller Art, kompensiert, eine Sackgasse, die individuell zu Stagnation, Depression, Aggression, Kriminalität und jeglicher Form von Krankheit und Ausbeutung anderer führt. Der so „gestrickte“ Mensch sägt durch die brutale Ausbeutung der Ressourcen der Erde den Ast ab, auf dem er sitzt, ganz zu schweigen, dass es ihn nicht kümmert, wie die nachfolgenden Generationen leben sollen. Er ist aufs tiefste auto- und fremdaggressiv. Die derzeitig starken Nationalisierungsbestrebungen, Zusammenschlüsse von Konzernen usw. Handelsabkommen dienen stets einer bestimmten Gruppierung zu Ungunsten einer anderen. Diese in letzter Zeit besonders zunehmende Entwicklung sind Auswüchse einer Verschärfung des globalen Desasters. Diese Vorgehen widersprechen zutiefst einer wahrhaft humanen Ethik, Moral und auch jeder Religion, zumindest wie ich sie kenne. Keine Religion hat es wirklich geschafft, den Menschen Liebe zu vermitteln, von einzelnen Personen abgesehen. Gepredigt und anderweitig versucht haben es alle - das gleiche gilt für die Pädagogik, Psychologie und Philosophie. Bei den meisten Vermittlern vermisse ich das entsprechende Werkzeug dazu, oder sie besitzen es (besonders Psychologen/Therapeuten), können es jedoch nicht adäquat anwenden. Sie haben es mental im Kopf, wenden es jedoch nicht an, nicht weil sie nicht wollen, sondern weil sie es im Tiefen nicht verstanden haben. Ein offenes Herz ist dazu mehr oder weniger Voraussetzung. Ohne Frage ist es für den Botaniker wie für die anderen Disziplinen grundsätzlich wichtig, zu lernen und sich damit Wissen und Bildung sich aktiv anzueignen - nicht jedoch für eine psychisch-spirituelle Entwicklung. Aber alles zu seiner Zeit, nicht gleichzeitig, ganz nach der Taoistischen Empfehlung: „Wenn du gehst, dann geh und wenn du stehst, dann steh.“

Akademiker sind besonders versucht das Ganze einzuordnen, zu reflektieren, zu vergleichen mit dem, was sie kennen, was andere dazu schon gesagt haben usw.
Das ist die philosophische Vorgehensweise, die vollkommen ihre Berechtigung hat.
Es ist die Vorgehensweise des Botanikers, er weiß viel und kennt viel, aber er versteht nicht so sehr vom Herzen her. Dazu müsste er aufhören zu denken, zu wissen. Nur so kann er die Dimension Ort-Zeit verlassen und eine Voraussetzung schaffen, um intuitiv sein zu können, damit sein Herz aufgehen kann und - wenn der Kosmos so will - er mehr und mehr Zugang zu einem universellen Bewusstsein bekommt. Es gibt dafür viele Etiketten. Es kommt gleichzeitig dem Finden einer neuen Identität gleich, die nicht individuell begrenzt ist. Der Betreffende betritt dann Homeland, das er sofort „wieder“ erkennt - es ist ihm keineswegs fremd. Er spürt größte Vertrautheit, die nicht von Menschen gemacht ist! Aber das muss jeder selbst immer wieder auf´s Neue erfahren. Die Übernahme der Erfahrungen eines anderen, was dann nur Wissen ist, führt zur Konzeptbildung - ich nehme an, dass dies das Fiasko der allermeisten Religionsgründer gewesen ist. Deren Anhänger und Jünger haben es einfach geglaubt, Kraft der natürlichen Autorität und Ausstrahlung des Weisen, es übernommen und nicht selbst erfahren wie das Vorbild. Und so haben sie es im guten Glauben weitergegeben. Eigentlich wurde damit Philosophie betrieben und keine wesentliche Hilfestellung für die spirituelle Entwicklung des Betreffenden/zu Missionierenden geleistet. Glauben und Hoffen war das Credo und nicht echte Hilfestellung, um das selber erfahren zu können, was der Religionsstifter erlebt hat, wie tiefe Liebe usw. Er wurde auf später vertröstet. Und so wurden Abhängigkeiten und damit Unfreiheiten gefördert, die dann ganz automatisch zu vielfältigem Missbrauch und Grausamkeit führten. Eine Liebe, die nicht wirklich für den Betreffenden tief spürbar ist, ist nur gedachte Liebe und die Ausübung einer Verhaltensvorschrift, um etwas zu erreichen (in den Himmel zu kommen) bzw. zu verhindern (in die Hölle zu kommen). Es ist funktionalisierte Liebe. Sie stellt nur eine leere Hülse dar. Im Tiefen leidet der Mensch auch dann, wenn er hofft. Könnte er seine Erlösung nicht jetzt schon bewerkstelligen? Ich meine, ja.

Eine Anmerkung noch zum Schluss: Das Hauptübel der Menschen, gerade auch im Zusammenhang mit Freiheit, ist ihre übertriebene Absicht nach Sicherheit. Sie wollen seit Alters her Sicherheit, selbst da wo es keine gibt. Das heutzutage in vielen Bereichen übersteigerte Kontrollbedürfnis ist Ausdruck davon. Dazu benötigen sie Grenzen, Macht usw. Sie basteln Konzepte wie beispielsweise die frühen Menschen, indem sie einen Donnergott kreierten, den sie dann anbeten konnten, ihm opfern konnten, damit er keinen Blitz und Donner über sie ergehen lasse - was für eine Illusion! Auch unsere heutige Welt ist noch voll von ähnlichen Illusionen.
Konstruktiv wäre, sich diesen Phänomenen zu stellen, ihnen ins Auge zu schauen, sich ihnen gleichsam auszusetzen, worauf die Ängste - der emotionale Anteil - sich auflösen würden, da sie ja nur Signale sind, die auf die mögliche Gefahr hinweisen. Die volle Wahrnehmung dieser "Tatsachen", würde die Wahrscheinlichkeit anheben, dass diese Phänome viel früher, wenn überhaupt, verstanden, in dem Fall, das Naturgesetz erkannt werden würde.

Solange müsste der Betreffende bereit sein, ganz bewusst die Ungewissheit, das Nicht-Wissen anzunehmen. Dieser typisch menschliche Sicherheitsfetischismus führte in viele Sackgassen, Warteschleifen und Krisen.
Die Quelle der Unsicherheit und damit des Sicherheitsstrebens des Menschen ist der befürchtete Verlust der „falschen“ Identität, aber genau dieser Verlust, gegen den er sich so sträubt, dieses Loslassen, wäre die Chance, zu erkennen, wer er wirklich ist.
Dann würde er aus einer weiteren und größeren Perspektive heraus auch erkennen, dass alles, was passiert, genau so passieren muss, dass es vollkommen richtig ist, wie und was passiert. Er würde mit großem Staunen, die universelle Ordnung erkennen. Er würde verstehen, dass all die Missgeschicke und Hindernisse, die ihm und seinem Kollektiv bis dahin widerfahren sind, Lebensbotschaften gewesen sind, die ihm behilflich waren bzw. behilflich sein hätten können, den jeweils richtigen Weg einzuschlagen.
Die Gefahr ist groß, dass meine Ausführungen bezüglich dessen was dann passiert, wenn losgelassen wird, dazu dienen, in gewohnter Weise ein Konzept/Glauben zu machen. Dies wäre dann für den jeweiligen Entwicklungsprozess hinderlich. Diesen Menschen würde ich entgegnen: "Vergessen Sie bitte, was ich an der Stelle gesagt habe!"

Wenn jemand in der "Ganzheit" ist, dann taucht subjektiv für ihn das Thema Freiheit - in der Reflexion natürlich schon - nicht mehr auf. Insofern wurde der Begriff Freiheit von mir etwas überstrapaziert. Ich hätte die obigen Ausführungen auch in Verbindung mit einem anderen Überbegriff zum Ausdruck bringen können. Das Thema Freiheit oder Unfreiheit stellt sich nur dem Menschen, der sich unfrei fühlt und frei werden möchte oder glaubt, noch nicht ausreichend frei zu sein. Menschen die unfrei sind und dies absolut akzeptieren oder sich total frei erleben, die haben mit Freiheit kein Problem. Und diese Menschen, die damit keine Probleme haben, können sich effektiver für die äußere Freiheit einsetzen. Sie stehen sich selber weniger im Wege und stolpern nicht über eigene Probleme. Dennoch sollten wir uns alle dafür einsetzen, jeder nach seinen Fähigkeiten, Fertigkeiten und seiner Berufung, den äußeren Bezugsrahmen so zu gestalten, dass innere Befreiung für ihn und andere begünstigt wird. Installieren, wie schon mehrfach erwähnt, kann dies nur jeder selbst.

Na gut, jetzt haben Sie die Seiten vermutlich schon durchgelesen - gefreut hätte ich mich, wenn Sie diese Seiten erst mal so wahrgenommen hätten „wie das Kind die taufrischen Gräser, als es durch den Garten krabbelte...“


Altshausen, den 10. November 2017
Oswald Horn