Wie kommen wir zu Freude oder gar zu einer noch intensiveren Lebensqualität?


Unser Zeitgeist ist durch eine tiefe Orientierungslosigkeit gekennzeichnet. Eine Eigenschaft dieser Irritation ist Zweifel, den wir uns meist nicht eingestehen.
Wir haben häufig Zweifel, versuchen ihn zu übergehen oder zu bekämpfen und suchen Lösungen über Nachdenken, d.h. über bekanntes Wissen, was über vergangene Erfahrungen in uns gespeichert ist.
J. KRISHNAMURTI hat schon in den 70er Jahren sehr ausführlich dargestellt, dass Denken - in diesem Zusammenhang - menschliche Entwicklung behindern kann.
Die Suche in der Vergangenheit führt also nicht zum Ziel. Selbst wenn wir dabei scheinbar fündig werden, es handelt sich dabei nie um wirklich Neues und somit nie um Kreatives. Wir verlieren uns dadurch immer mehr, der Zweifel nimmt zu und manchmal geraten wir sogar in tiefe Resignation. Auch das Wissen, was andere erfahren haben, stellt für uns keine Lösung dar, ja es kann für die eigene Entwicklung sogar hinderlich sein.
Die Lösung ist innehalten, verweilen in absoluter Gegenwärtigkeit, sich zum Zweifel bekennen, ihn ohne Wertung eingestehen und ihm Raum geben. Vertraue dieser Unsicherheit, diesem inneren Chaos. Vertrauen bei Offenheit kann zu Liebe, Kraft und tieferer Klarheit führen. Kreative Lösungen werden ohne aktives Denken offenbar, Zweifel lösen sich auf. So kann die tiefste Weisheit des momentanen Augenblicks in uns erblühen.
S. SABETTI spricht in diesem Zusammenhang vom Prozess des Gewahrwerdens und von der essentiellen Wahrnehmung, R. MAHARSHI, der Weise vom Berge Arunachala, der die bedeutsame Frage stellt, wer bin ich? von Selbsterforschung, Realisierung und Befreiung.
Zweifel, besonders uneingestandener, stellt ein Hindernis dar. PRAJNAJI sagt, Zweifel ist wie Schlamm, in dem keine Blume wachsen kann.
Zweifel darf nicht zur Seite geschoben oder bekämpft werden, er sollte über tieferes Wissen - was einer Erweiterung des Bewussteins gleichkommt - aufgelöst werden.
Dazu ist Offenheit, die sich auf Herz und Geist bezieht, erforderlich. Nichts darf mehr stören, alles wird akzeptiert bei einer gewissen inneren Zartheit. Alles das, was mit uns in Resonanz ist, Angenehmes wie Unangenehmes, sollte solange fokussiert werden bis es aufgelöst ist. Wir sollten den Augenblick wahrnehmen, ihn erblühen lassen, nicht aktiv denken, nicht über erinnern Wissen abrufen, nicht vergleichen und auch nichts erwarten. Sowie ein Erinnern den Bewusstseinsblick in die Vergangenheit, so würde ein Erwarten den Blick in die Zukunft richten. Auch im Falle eines Vergleiches würden wir „aussteigen“, wir würden von uns oder vom Augenblick weggehen. Wir würden dann messen und urteilen. Das Gewahrsein der fünf Sinne mit voller Aufmerksamkeit genügt. Der Körper spielt bei der Induktion der notwendigen Gegenwartspräsenz eine bedeutsame Rolle und kann entsprechend genutzt werden.
Durch diesen gesamten Vorgang wird gleichsam „Platz“ geschaffen für freie Energie und damit erst ist Kreativität möglich, die zur echten Lösung unserer vielfältigen Aufgaben notwendig ist.
ADYASHANTI charakterisiert diesen Prozess mit der Eigenschaft „Unschuld“, jeder Augenblick wird neu erfahren wie im Geiste eines Kindes. Unschuldig sein ist für den Erwachsenen demütig sein. Es geht mit einem Empfinden totaler Ungeschütztheit einher. Jeder Augenblick wird gleichsam staunend neu entdeckt.
Dieser Prozess verdichtet sich im Laufe der Zeit, er wird intensiver und führt zu zunehmender, manchmal auch zu sprunghafter Veränderung der Lebensqualität.
Dieses Erwachen mit einem Quäntchen Gnade kann uns die „Ganzheit des Daseins“ offenbaren. Wir erfahren beispielsweise, dass wir nichts und gleichzeitig alles sind. Du begegnest dir überall selbst. Alles ist eins. Du fühlst zunächst den ungeteilten Seins-„Zustand“. Du erfährst dabei, dass du nicht weißt, wer du bist. Du wirst zum Mysterium deiner selbst, was sich auch wiederum klärend auflöst. Das Ich-Gefühl löst sich auf, Mitgefühl und eine allumfassende Liebe tauchen auf. Das Erwachen geht mit befreiender Weisheit und somit auch mit Selbstbefreiung einher – der emotionale Kontext ist eine innige Freude.


Altshausen, den 07. Januar 2008
Oswald Horn