Konflikt - Loslassen - Werden wollen, Denken - Leben, Liebe, Tod


Konflikt und Aufmerksamkeit
Konzentration auf Etwas, also willentlich, führt grundsätzlich zu Konflikt. Wir wollen etwas und begeben uns damit auf die Dimension Zeit. Wir produzieren somit Zeit, die es an sich auf der psychischen Ebene nicht gibt (s. S. 3, Aufsatz: Denken und Zeit). Wenn jedoch innerhalb der allgemeinen Aufmerksamkeit uns etwas anzieht oder abstößt, also etwas nach Aufmerksamkeit gleichsam verlangt, ist dies nicht konflikthaft und damit auch nicht zeitgebunden. Darauf sollte sich dann unsere Aufmerksamkeit gegenwärtig und ansonsten bedingungslos richten.
Kampf, Spannung und Über- und Unterladung verschwinden und unser System ist dann wieder frei. Ein festgefahrener Prozess kommt dann wieder in Gang. Ähnliche Begriffe für allgemeine Aufmerksamkeit sind freie Wahrnehmung, Achtsamkeit, Gewahrsein und Zeuge sein. Der Begriff Gewahrsein ist am wenigsten vorbelastet und kommt der Bedeutung obiger Thematik am nächsten. In der umfassenden Literatur zur Konfliktthematik wird eine Vielzahl von Aspekten aufgegriffen. Der relevanteste Aspekt hat dort meines Wissens keinen Platz gefunden.

Loslassen
Der Wunsch loszulassen und Loslassen sind zwei verschiedene Dinge. Loslassen kann erst geschehen, wenn du aufhörst, loslassen zu wollen. Durch Loslassenwollen baust du einen Konflikt ein und schwingst dich damit auf die Dimension Zeit. Du bist dann nicht mehr gegenwärtig und im Konflikt blockiert.

Werden wollen, Denken
Hör auf, etwas werden zu wollen! Sich in psychischer Hinsicht entwickeln zu wollen, führt zu Blockaden. Die Person katapultiert sich auf die Zeitachse. Dies schafft Konflikte, bindet Energie und verhindert echten Fortschritt.
Auf der psychischen Ebene erfolgt Fortschritt nicht über den Intellekt, also über die mentale Schiene durch Nachdenken, Vorausdenken, Planen, Anhäufen und Abrufen von Wissen, Übernehmen und Konstruieren von Konzepten oder Orientierung nach der Meinungen von Autoritäten usw..
Verstehen ist ein ruhiger Prozess, in dem es nichts zu tun gibt, sondern in dem wir nur in voller Gegenwärtigkeit wahrnehmen, was in unsere Wahrnehmung dringt - u. U. auch das Nichts. Erst durch ein solches bedingungsloses Gewahrsein, kann - wenn es angesagt ist - ein Verstehen erblühen, wahre Intelligenz, die als universell zu charakterisieren ist, kommt zum Vorschein. Es handelt sich um einen spontanen, intuitiven, kreativen Prozess. Wenn echtes Verstehen sich offenbart, dann hat der Verstand keinen Raum für Fragen und Zweifel. Totale Aufmerksamkeit erlaubt kein Denken. Das unmanifeste Bewusstsein wird durch ein Individuum manifest. Die Person hat hierbei lediglich instrumentelle Funktion. Das Ereignis an sich ist für die Evolution wichtig und weniger das Individuum.
Ob unsere Aufmerksamkeit von etwas angezogen wird, hängt damit zusammen, ob und mit was unser System resoniert, keineswegs hängt dies vom willkürlichen Wollen ab. Die Resonanzobjekte können innerhalb oder außerhalb unseres Systems liegen. Die Häufigkeit der Resonanzen hängt vom Entwicklungsgrad des betreffenden Individuums ab.
Nicht wir machen Fortschritte, sondern der Fortschritt geschieht! Dies macht uns frei vom Ich, das den Fortschritt machen oder zu mindestens beschleunigen will. Es ist sinnlos zu suchen, sei es nach Erleuchtung oder sonstiger psychischer Entwicklung. Das unpersönliche Bewusstsein ist der Suchende. Wenn wir diesen Zusammenhang wirklich verstanden haben, dann beginnt sich die Ichzentriertheit aufzulösen. Man bedenke, wie schnell und wie viel vom Leben kleine Kinder lernen, ohne die Absicht zu haben, etwas zu lernen. Mit Tieren wird es vermutlich ähnlich sein. Gerade neuere Untersuchungen in Tschernobyl u. a. Orten zeigen, dass sich die Natur selbst nach einem Superatomgau oder einem Vulkanausbruch viel schneller regeneriert als bisher angekommen. Sie bringt Tiere und Pflanzen wieder schneller hervor als von Wissenschaftler vorausgesagt und sogar gleiche Arten mit höherer Resistenz gegen Strahlung als diese Arten vorher besessen haben.

Reine gegenwartsbezogene Aufmerksamkeit kontinuierlich praktiziert bewirkt, dass das Denken weniger und weniger wird, bis es aufhört. Tiefe Stille und Transformation können sich konstituieren. Die Schwingung des Individuums erhöht sich. Der Betreffende kann dann mit Vielem in Verbindung sein. Er befindet sich mehr und mehr in der universellen Liebe zu anderen Menschen, zu sich und dem Universum im Allgemeinen.

Leben, Liebe, Tod
Im Gegenwartsbewusstsein gibt es kein subjektives Zeitempfinden, die Zeit steht gleichsam still, gibt es nicht mehr, wir sind auf einer anderen Dimension, die vielleicht treffender als die Ewigkeit bezeichnet werden kann.

Ewigkeit kann kein persönlicher Prozess sein, kein individuelles Wesen, sondern nur etwas Unpersönliches.

Wenn wir zeitlos leben, leben wir ewig! Leben auf der physischen Ebene ist jedoch, wie wir alle wissen, ein ständiges Geborenwerden und Sterben, ein Ein- und Loslassen, ein Ein- und Ausatmen u.v.m.. Was einen Anfang hat, hat ein Ende! Wenn wir gegenwärtig leben, lassen wir permanent vom momentanen Augenblick los und empfangen den neuen. Auf dieser Ebene betrachtet ist Tod nicht das Gegenteil von Leben! Leben ist Sterben auf der Grundlage eines Bewusstseinskontinuum! Manifestes Bewusstsein in Formen und Inhalten kommt und verschwindet als Ausdruck eines immerwährenden nichtmanifesten Bewusstseins. Dieses Bewusstsein ist universell und damit nicht individuell, es ist ewig.

Die Vorrangstellung des Denkens verhindert - wie wir alle wissen - Liebe! Ein Leben ohne Liebe ist letztlich ein totes Leben.

Denken an sich soll hiermit nicht abgewertet werden. Wenn Denken erforderlich, ist es ein wichtiges Werkzeug! Wenn wir eine Sprache erlernen oder ein Haus bauen, ist denken angesagt. Wir sollten Denken dann bewusst einsetzten, uns jedoch keineswegs mit diesem Instrument identifizieren.
Renè Decartes hat sich in diesem Zusammenhang getäuscht, als er sagte: “Der Mensch denkt, also ist er!“ Diese Aussage war im historischen Kontext in der westlichen Welt verständlich als Reaktion auf die von der Kirche vorgegebene Vorschrift, was Wahrheit ist und hat bedeutsamen Fortschritt in Technik und Wissenschaft bewirkt. Denken als das menschlich Höchste zu favorisieren, entspricht nicht der Wahrheit.


Altshausen, den 18. September 2012
Oswald Horn