Sich zeigen!?


Scham ist Ausdruck des Überschreitens eines Tabus, eines Ge- oder Verbotes. Der rote Kopf und der gesenkte Blick kann symbolisch als Demutsgeste und damit als Unterwerfung für bestimmtes Tun oder Nicht-Tun verstanden werden; es werden Sanktionen befürchtet. Je unausweichlicher und um so größer die befürchtete Gefahr, um so intensiver die Stressreaktion. Aus Afrika ist bekannt, dass ein Tabubruch zum Tod führen kann. Die tiefe Überzeugung, dass bei einem bestimmten Tabubruch kein Leben möglich ist, führt unmittelbar - ohne Fremdeinwirkung - zum Tod. Dem Blamieren, der Peinlichkeit und dem Schamgefühl liegen Angst zugrunde. Sie kommt einem Alarmsignal gleich, das uns vor möglichen realen oder angenommenen Gefahren warnen will.

Die einen Experten favorisieren, dass diese Gefühlskategorie eine Einengung darstellt und dass sie bekämpft bzw. eliminiert werden müsse. Scham wird hierbei als Bandage verstanden, die mögliche Ressourcen dem Betreffenden verwehrt. In der heutigen Gesellschaft seien Regelverstöße und Wagemut der Garant für Fortschritt. Menschen, die Angst vor Blamage haben, würden kaum einen Schritt nach vorne wagen. Diese Experten betrachten solche Gefühlsqualitäten als etwas Negatives.

Für andere Experten sind diese Gefühlsqualitäten eine gute Sache. Sie erinnern daran, dass durch die Vermeidung dieser Gefühle Gruppenstandards eingehalten werden und so für den Erhalt und die Existenz einer bestimmten sozialen Gruppierung - Stamm, Sippe usw. - beigetragen wird. Evolutionspsychologen verweisen darauf, dass für den Einzelnen im Laufe der Menschheitsgeschichte es eine Lebensversicherung gewesen sei, in einer Gruppe integriert zu sein. Die Forschung hat ergeben, dass Menschen, die leicht in Verlegenheit geraten, als sympathischer, vertrauenswürdiger und großzügiger wahrgenommen werden als diejenigen, die "schamlos" reagieren. Sie würden auch mehr Unterstützung aus dem sozialen Umfeld erfahren und ihnen würde eher verziehen werden.

Unabhängig von der Bewertung, egal ob wir diese Gefühle positiv oder als negativ ansehen, sind sie für den Betroffenen sehr unangenehm.

Meiner Meinung nach macht es keinen Sinn, die Gefühle und ihre Ausdrucksformen zu bekämpfen. Wir würden damit, zumindest einen Teil von uns bekämpfen und damit würde der innere Konflikt, die Ladung und damit der Druck und die Spannung noch größer werden. Umgekehrt, sie als einen "Schatz" zu deklarieren, sie positiv zu werten, endet ebenfalls in einer Zwickmühle. Sie sind zweifelsfrei unangenehm und würden u. U. so noch verstärkt werden.

Was dann?

Die Wurzel der Thematik hat etwas mit unserer Identität zu tun. Im Fall von Scham ist unsere Vorstellung von uns gefährdet oder schon verletzt worden. Unsere Vorstellung von uns ist die Wurzel des Problems. Vorstellungen, wie alle Konzepte, sind etwas von unserem Denken Zusammengesetztes. Schon allein eine Vorstellung von sich zu haben, an der festgehalten wird, stellt die oben erwähnte potentielle Einengung dar. Und gerade diese Reduktion des möglichen Lebensraumes, denn viele Optionen, die nicht ins Schema passen, kommen nicht in Frage, wird in der Blamage-Situation, wenn die Lebensumstände entsprechend sind, aktualisiert und führt zum bekannten "Zwangsjackeneffekt". Was vom Denken und Lernen zusammengesetzt worden ist, kann prinzipiell auch wieder aufgelöst werden - so J. Krishnamurti, aber auch andere.

Wie könnte die Befreiung davon geschehen? Wenn wir uns völlig motivlos zeigen könnten, einfach sein, wie wir jeweils sind, hätten wir kein Problem. Wir würden uns nicht blamieren und schämen. Es gäbe keinen Grund dazu! In dem Augenblick, in dem wir uns zeigen müssen oder verstecken müssen, haben wir ein Motiv und damit ein riesiges Problem. Der Erste muss sich darstellen, muss auffallen, da er ein Verlangen nach Anerkennung, Zuwendung, Wichtigkeit, Macht usw. hat und der Zweite muss sich zurückhalten und verstecken, damit keine Ansprüche und keine Verantwortung an ihn gestellt werden können, um so vielleicht einem Versagen vorzubeugen. Er versteckt sich, er hat die Absicht unauffällig, normal oder möglichst "klein" und bedeutungslos zu sein. Beide verhindern durch ihre Absichten echte Entwicklung; sie begnügen sich mit einer "Als-Ob-Entwicklung". Beiden ist gemeinsam, dass sie Sicherheit haben wollen. Beide haben also ein Motiv, um ihre Identität zu wahren.

Die Motive werden indirekt ausgelebt, weitgehend geheim gehalten, es wird nicht wirklich dazu gestanden. Beide sind deshalb korrupt, käuflich, selbst manipulativ, aber auch leicht zu manipulieren, stehen zu ihrer Machenschaft nicht wirklich und die "fliegt" dann letztlich in obigen Situationen auf. Der rotleuchtende Kopf und der niedergeschlagene Blick - dem Gegenüber kann nicht mehr in die Augen geschaut werden - offenbaren die verdeckten / z. T. unbewussten Absichten. So betrachtet entstehen die oft empfundenen Schuldgefühle zwangsläufig, sie sind selbst gemacht. Sekundär kommt hinzu, dass die Symptome wie roter Kopf, Zittern, Schwitzen, Starre, mentale Blockierung und all die Stressreaktionen an sich schon ein Problem hinsichtlich des geltenden Standards darstellen.

Experten wie Betroffene begnügen sich oft, nur die Symptome des Problems wegzubekommen. Das funktioniert m. E. nur vorübergehend und nicht wirklich nachhaltig. In sofern ist es ineffektiv, die Symptome isoliert zu betrachten. Es ist zunächst sehr wichtig, dass sich der Betroffene nicht verurteilt, wenn die Zusammenhänge deutlich werden. Jede Verurteilung ist wie eine Ohrfeige, die nur zur Kontraktion und damit zur Verschlimmerung des Ganzen führt. Akzeptieren des Dilemmas heißt jedoch nicht Wegschauen. Wir sollten jeweils am konkreten Beispiel diesen Zusammenhängen absichtslos ins Auge schauen und sie aus der Gegenwärtigkeit heraus auf uns wirken lassen! So kann ein Löschungs- und Transformationsprozess stattfinden. Das hier notwendige Bewusstsein muss realisiert werden. Diesen Bewusstseinsprozess nur zu denken / reflektieren, wie es selbst Experten oft tun, reicht keineswegs. Dabei muss die Dimension Ort und Zeit verlassen werden. Es stellt einen subjektiven Paradigmenwechsel dar, einen Quantensprung im Bewusstsein. Man muss wissen, wie es geht und es muss trainiert werden.

So wie Angst in seinem Wesen zunächst zukunftsgerichtet ist - natürlich hat sie auch ihre Geschichte - ist Trauer vergangenheitsorientiert. Diese Bewegungen auf der Dimension Zeit und damit auch Örtlichkeit sind bei dem neuen Bewusstsein nicht mehr möglich. Und schon allein auch von daher verschwinden dann diese Gefühle. Erkenne wie die Identifikation mit deinem Selbstkonzept - falls es überhaupt gelingt - dir zwar Sicherheit über Zugehörigkeit, Anerkennung und Akzeptanz von außen gibt u. v. m., dich aber letztlich auch sehr einengt und manipulativ macht. Frage dich ernsthaft, ob du in der heutigen Zeit diese Sicherheit wirklich benötigst, um existieren zu können? Sind wir inzwischen Sicherheitsfetischisten aus Prinzip? Benötigen wir deshalb Status, Überlegenheit, Wissen, Macht ... damit ja keine Unsicherheiten auftreten? Ein solches Verstehen deines eigenen Prozesses führt zu einer Vertiefung deines Bewusstseins. Du erkennst wie unbemerkt du an vielen Bedingungen und Annahmen hängst! Du kannst nur loslassen, wenn du sie erkennst und das ganze Unterfangen in all seine Fassetten als unsinnig wahrnimmst.

Es erscheint mir ganz wichtig, dass wir uns der subtilen Unsicherheit stellen, die gleichsam alles kontaminiert hat, den Mut zu haben, ihr ganz gegenwärtig ins Gesicht zu schauen, um sie zu verstehen, ihre Gerichtetheit erkennen, sich ihr aussetzen, damit sie transformiert werden kann. Eventuell muss etwas sterben in uns, damit etwas Neues geboren werde kann. Dieser Prozess des "Durchlassens" (s. a. S. Sabetti, andere wie Ch. Meyer formulieren es als "ein sich fallenlassen", wieder andere als "Hingabe") erfordert große Bereitschaft und großen Mut und er ist zunächst mit sehr viel Angst verbunden.

Die letztliche Frage ist, ob wir überhaupt eine Identifikation, die vom Denken zusammengesetzt worden ist, brauchen. Wenn wir wahrhaftig dieses Ansinnen aufgeben würden, würden wir erfahren, was unsere Essenz wirklich ist. Wenn wir unserer Essenz vollständig bewusst sein würden, würde es dann überhaupt noch Probleme geben? Nein, es würde keinen Widerstand geben! Schwierigkeiten schon, die gehören zum Leben, daran wachsen wir! Die Schwierigkeiten würde wir dann nicht mehr als Störung empfingen, sondern als Botschaften, die uns die Richtung weisen. Sie würden als Wegweiser fungieren, die uns zeigen ob es notwendig ist, sich der Herausforderung zu stellen oder wir uns Anderem zuwenden; u. U. gibt es auch nichts zu tun. Wir würden uns nicht mehr als die "Macher" verstehen!

Siehe auch die anderen Aufsätze, in denen ich mehrfach von diesem Dreh- und Angelpunkt und seiner Lösung geschrieben habe.

Altshausen, den 23. Mai 2017
Oswald Horn