Tatsachen


Nur über Tatsachen können wir uns wirklich entwickeln. Alles andere ist eine Mogelpackung.

„Dinge“, die uns nicht passen und die wir nicht verändern können, sollten wir akzeptieren. Wenn wir so mit der inneren und äußeren Welt umgehen würden, würden wir leichter leben. Wir würden im Fluss sein und uns würde eine tiefere Ordnung zugänglich werden. Ein nicht Akzeptieren führt zu Hader, Konflikt, Aufladung, Spannung, Schmerzen, Unterladung und damit auch zu Krankheit. Wenn wir bewusst in Frieden leben wollen, dann müssen wir eine solche Situation in einer absoluten Art und Weise akzeptieren. Ich meine damit, dass wir das Unangenehme auf unser System als Ganzes solange wirken lassen bis kein unangenehmer Effekt und keine Form der Abwehr und damit Vermeidung mehr vorhanden ist. Geboten ist in diesem Zusammenhang ein Loslassen von jedweder Form der ein- oder uneingestandenen Kontrolle und damit der Selbst- und oft auch der Fremdmanipulation.

Dies ist leicht gesagt! Was heißt das?

Nehmen wir als Beispiel eine Kränkung. Wir geben im Freundeskreis etwas zum Besten und die Zuhörer übergehen es oder ein Teilnehmer macht eine spöttische  Bemerkung – es kommt nicht so an, wie wir es gerne gehabt hätten. Wie wird häufig darauf reagiert? Der eine wertet sich selber ab und hält sich für unzulänglich. Der andere wertet die anderen ab im Sinne von, die verstehen keinen Spaß, sind oberflächlich usw. Der Dritte zieht sich eingeschnappt mit Groll zurück und macht Beides. Der Selbst- und Fremdmanipulation sind keine Grenzen gesetzt.

Nehmen wir als 2. Beispiel den Tod. Irgendwo wissen wir alle, dass der Tod unausweichlich ist. Als Möglichkeit kann er schon im nächsten Augenblick eintreten. Wir wissen es nicht, deshalb ist der Tod eine mögliche Option – also als Möglichkeit eine Tatsache.
Zunächst, was heißt, sich ihm nicht zu stellen? Wenn sich das Thema für uns in irgendeiner beliebigen Form stellt, z. B. als spontaner Gedanke, als Ereignis, weil ein Freund eben verstorben ist oder weil uns unser Alterungsprozess deutlich wird, weil wir krank, evtl. sogar todkrank sind und wir sofort als Trost auf eine Religion Rekurs nehmen oder wir uns über das Konzept der Reinkarnation retten, uns vergegenwärtigen, dass wir ja noch so jung sind und diese Möglichkeit für uns unwahrscheinlich ist, oder ob wir mit dem Fortschritt der Medizin sympathisieren und damit das Leben hinausschieben wollen. Wir reagieren sofort mit Selbstmanipulation -  alles ein Trick, eine Illusion, um von der Tatsache abzulenken anstatt sich ihr zu stellen.
Es gibt unendlich viele und noch viel subtilere Formen des sich Ablenkens wie bspw. sich auf etwas anderes zu fokussieren, sich keine Zeit zu nehmen, da man glaubt Wichtigeres stünde gerade an, sich oder andere zu verurteilen und sich daraufhin schuldig zu fühlen oder sich über andere zu ärgern. Oder man registriert für sich, dass man diese Situation ja schon kennt, um in seiner Tagesordnung fortfahren zu können.
Wegschieben ist aber auch, wenn wir mit unseren Gedanken absichtlich in die Vergangenheit oder Zukunft gehen. Die Frage zum falschen Zeitpunkt gestellt, wie konnte dies passieren und es hätte doch nicht passieren dürfen und der daraus resultierende Hader und Ärger sind einige Beispiele dafür.
 
In unserer Kultur sind wir große Ablenkungskünstler, besonders wenn es um das Altern geht. Neid, Eifersucht und vieles mehr sind weitere Beispiele, auf die man Obiges übertragen kann.

Neurosenpsychologisch betrachtet handelt es sich hierbei um Sublimierungen, also um keine pathologischen Abwehrformen. Erst recht zählen alle neurotischen Abwehrformen wie Rationalisieren, Idealisieren usw. dazu.
Viele tiefenpsychologisch orientierte Autoren haben sich mit ähnlichen Themen und besonders mit Abwehr und Widerstand beschäftigt. Fast alle haben dabei noch viel zu viele „Hintertürchen“ offen gelassen. Ich glaube sie haben den tieferen Sinn nicht erkannt.
Jiddu Krishnamurti ist einer der Ausnahmen – er hat eine Vielzahl von Vorträgen im Westen wie in anderen Länder gehalten (J. Krishnamurti, anders leben, Kösel-Verlag, München 1995). Als ein neuerer Autor ist Eckart Tolle (E. Tolle, Leben im Jetzt, Goldmann, München 2002) zu erwähnen.

Akzeptieren ist kein rein mentaler Akt, bei welchem eine rationale Willensentscheidung getroffen wird. Ich muss mich der Tatsache und wenn sie noch nicht eingetroffen ist, der Möglichkeit - als Tatsache - stellen. Ich muss sie auf mich, meinen Geist, meine Gefühlswelt und auf meinen Körper im Hier und Jetzt wirken lassen. Auf jede einzelne Zelle muss ich sie gleichsam einwirken lassen. Das ist unangenehm und zwar solange bis mein System als Ganzes diese Tatsache annehmen kann, bis es trotz dieser „Einwirkung“ wieder ins Gleichgewicht kommt. Eine neue Ausgewogenheit wird sich dann auf einem höheren Bewusstseinsniveau (siehe auch Essay: PES, www.oswaldhorn.de) einstellen. Dieser Prozess hat dann echten evolutionären Charakter und stellt keine Umvolution (Pseudoentwicklung) dar.
Er muss von der Person selber im Tiefen gewollt werden. Die Person muss dazu bereit sein, da sonst dieser Prozess einer Gehirnwäsche gleichkommt. Je nach Ereignis sollte die Person gut geerdet, zentriert und mit vollem Bewusstsein dabei sein. Sie bestimmt mit welcher Dauer, mit welchem Intensitätsgrad und wie oft sie sich dem Ereignis aussetzt.
 
Die sog. Expositionstechnik aus dem Behaviorismus berücksichtigt hierbei viel zuwenig die oben erwähnten Rahmenbedingungen. Auch traumatherapeutische Interventionen sind dafür nicht differenziert genug und bieten zu viele offene Hintertürchen, die von der Person und vom Therapeuten nicht gesehen werden. Beide Interventionen sind bekanntlich auf Grundlagen ganz anderer Theorien und Absichten entwickelt worden.
Präsenz im Sinne einer weit gefächerten Konzentration bei voller Gegenwärtigkeit gehört zu diesem Veränderungsprozess. Erinnerungen (Vergangenheit), Sehnsüchte, Wünsche (Zukunft) sofern sie spontan auftreten, dürfen sein. Die vielen Neins, das Auf- und Abwerten, Vergleiche, Bagatellisierungen, Generalisierungen und deren Auswirkung auf das eigene Gesamtssystem müssen erkannt werden, damit der Betreffende aus seiner Kontraktion und damit Abspaltung herauskommt. Hierbei spielen oft verschiedene sich bedingende Realitätsebenen eine Rolle. Sie müssen Schicht um Schicht wie bei einer Zwiebel abgetragen, genauer gesagt, erkannt werden. Die entsprechenden Gefühle, Emotionen und Körperreaktionen müssen zugelassen werden. Das Gesamte stellt einen sehr passiven, aber höchst präsenten Prozess dar, in dem alle Inhalte durchgelassen werden müssen. Im Betreffenden bewegt sich etwas, er muss es bei großer Aufmerksamkeit durchlassen, evtl. Impulse nach außen zum Ausdruck kommen lassen. Dieser Veränderungsprozess stellt kein Puschen oder Brechen dar. Er ist durch Training und anfänglich über äußere Unterstützung wie z. B. durch einen kompetenten Psychotherapeuten erlernbar. Manche Menschen „machen“ es schon immer so. Von ihnen können wir lernen.
Unser Zeitgeist, alles in der Hand haben zu wollen und alles machen zu können, hat uns in die falsche Richtung gelenkt. Hingabe an anstehende Prozesse sind dann gefragt, wenn unsere Machbarkeit aufhört. Wenn wir dies nicht erkennen, produzieren wir Ohnmacht, Anspannung und Konflikte. Wenn sich in unserem Umfeld etwas ändert, wenn wir neuen Stimuli ausgesetzt sind, ändern wir uns. Wir werden bewusster und bleiben gesund. Auch das Umfeld, das Ganze ändert sich durch unseren Wandel. Alles hängt zusammen. Es gibt keinen „Zufall“, was fällig ist, tritt ein.
Der Umkehrschluss ist möglich. Krankheit auf der individuellen Ebene und soziale und politische Konflikte bis zu Katastrophen jeder Art auf anderen Ebenen, sind das Ergebnis, der Wahrheit nicht ins Gesicht schauen zu wollen. Wir halten am Alten und somit am Gewohnten fest – dies ist durchaus menschlich, es gibt uns Sicherheit, wenn auch keine echte Veränderung, sondern Stillstand und Blockierung.

Bewusstsein entsteht jedoch durch Wandel (S. Sabetti, Rhythmen des Wandels, Hugendubel, München 1992). Gewohntes muss in diesem Zusammenhang verlassen und Unsicherheit in Kauf genommen werden. Es sind Chaosmomente, die wir bewusst zulassen müssen. Der dabei entstehenden Angst müssten wir gleichsam inneren Bewusstseinsraum im Hier und Jetzt geben. Wenn wir darauf mit nein reagieren, produzieren wir Panik, die wir dann zudem noch unter den Teppich zu kehren versuchen. Daraus resultiert dann eine Dauervermeidungsarbeit, die oft weite Lebensabschnitte anhalten kann, oft solange, bis wir psychischphysisch kollabieren oder so richtig krank, meist chronisch krank geworden sind und uns dann nur noch mit diesem Folgeprozess beschäftigen. Unsere Aufmerksamkeit ist dann so gebunden, dass für echte Entwicklung kein Platz mehr ist. Dieser destruktive Prozess ist nicht nur an einzelnen Menschen, sondern leider auch bei ganzen Kollektiven beobachtbar. Der Eindruck entsteht – besonders wenn man unsere Werbung in den Medien und deren Wirkung ansieht - dass weite Bereiche der Menschheit krank und sehr destruktiv sind.

Wie schon erwähnt, ist es für einen konstruktiven Veränderungsprozess notwendig, dass wir mit unserem Bewusstsein möglichst absolut im Hier und Jetzt sind.

Was heiß das?

Eine ganze Reihe von Psychotherapieschulen hat sich das Hier- und Jetzt-Konzept auf ihr Aushängeschild geschrieben. Leider haben die Wenigsten diese Weisheit verstanden. Manche tun, als hätten sie sie neu erfunden. Meines Wissens hat der Zen-Buddhismus die Bedeutsamkeit schon vor mehreren tausend Jahren erkannt und explizit in ein Konzept gefasst. Praktiziert haben es schon die Steinzeitmenschen, die Hochkulturen und die Naturvölker, besonders manche Medizinmänner, Schamanen, Priester, Seherinnen usw. und besonders die Frauen aus diesen Gruppierungen praktizierten diese Qualität schon vor langer Zeit. Kinder tun es sowie so, allerdings ohne den reflektierenden Aspekt.

Unsere Philosophen sind meist Jäger und Sammler in punkto Wissen. Sie horten Konzepte – wirklich tolle Ideen. Köpfe und Bibliotheken sind voll davon. Dieses Wissen ist bei ihnen im Allgemeinen nicht zu Erkenntnis, noch zu einer verinnerlichten Wahrheit oder gar zu Weisheit geworden. Sie bleiben im ausschließlich mentalen Gestrüpp ihrer Gedanken hängen – meist ohne es zu bemerken. Sie erleben und leben ihr Wissen nicht. Das Gleiche gilt für die meisten Therapeuten, durchaus auch für mich. Mental wissen sie, was zu tun wäre. Schon die arabischen und griechischen Philosophen, aber auch die römischen wie Rufus und andere, eine Ausnahmen war wohl Epiktet (Epiktet, Handbüchlein der Moral, Reclam, Stuttgart 2008) hatten tolle Ideen entwickelt und gesammelt. Sie waren jedoch nicht in der Lage, im nennenswerten Umfang sich selbst zu verwirklichen, noch anderen bei der Realisierung behilflich zu sein. Sie konnten und können bestenfalls den Menschen beim Sammeln helfen. Dies gilt noch heute, wir schreiben bestenfalls übers Leben, anstatt es wahrhaftig zu leben.

Zu wissen, dass das Hier und Jetzt angesagt ist, genügt also nicht. Innen- und Außen-Schau, Selbst- und Fremderforschung sind notwenig, um zu erkennen, wie wir versucht sind, von der Gegenwärtigkeit abzugleiten. Es ist ein sich Öffnen auf allen möglichen gegenwärtigen Ebenen.
Für viele ist es erstmal einfacher, über den Körper sich der Gegenwart anzunähern. Lenke deine Aufmerksamkeit auf den Körper, bis du ihn spürst. Den Prozess kannst du durch bestimmte Körperpositionen, Bewegungen und durch Atmung beschleunigen. Wenn Körperbewusstsein vorhanden ist, hast du die Empfindung als ob jede Zelle zu schwingen anfängt. Du erfährst in deinem Körper den Fluss von Energie. Der Körper reagiert - gleichsam im Sinne einer Rückkopplungsschleife - nachdem du den Geist dort hingeschickt hast. Es kommt eine Verbindung zustande. Du erfährst Körperpräsenz.
Dies ist prinzipiell auch allein über Konzentration möglich. Je mehr Training jemand hat, umso schneller und intensiver ist diese Erfahrung. Simultan oder zeitlich verzögert betrachtest du deine momentane Gefühls- und ihre Gedankenwelt. Das gegenwärtige Wollen und Wünschen sollten genau erforscht werden. Oft ist der westliche Mensch mental in der Zukunft oder in der Vergangenheit, bringt Spannung in sein System und negiert was gegenwärtig vorhanden ist, ohne es wahrzuhaben. All das ist menschlich, erlaube es, damit es verschwinden kann. Wenn diese Selbstmanipulationen und deren Wirkung (Spannung, Druck, Ladung …) erkannt werden, kann das, was im Moment spontan vorhanden ist, Bewusstseinsraum bekommen und wenn nötig, nach außen abfließen oder sich entladen. Sie spüren sich so mehr und mehr. Das System öffnet sich. Gefühle werden jetzt viel intensiver und zwar echte Gefühle und weniger die Ersatzgefühle. Nichtgefühle, sich abgestorben erleben und diese Ersatzgefühle sind Folgewirkungen der Selbstmanipulation und damit destruktiver Muster.
Neben dem intrapsychischen ist auch der interaktionelle Aspekt mit anderen Menschen und mit dem Umfeld insgesamt notwendig. Wir setzten uns bspw. dem Blick eines Partners oder einer ganzen Gruppe aus. Mit dieser Situation sollten wir dann analog wie mit den o. a. internen Situationen umgehen. Ebenso sollten wir die Natur wie die Landschaft, das Wasser, den Baum, den Wald, die Blume und dergleichen. auf uns wirken lassen und damit verfahren.
Ihr bekommt mehr Bezug zu Ganzheit. Eure Frequenz steigt. Sie steigt dauerhaft bei kontinuierlicher Entwicklung und mit Quantensprüngen, wenn ihr dabei bleibt. Es hat was mit Wahrhaftigkeit und Bewusstheit zu tun. Je mehr davon erreicht wird, sich zu verwirklichen, umso stärker bist du im Hier und Jetzt. Gegenwartspräsenz und im Sein sein, sich seines Seins bewusst sein sind Kennzeichen für diesen Entwicklungsrad. Die Weisen, aber auch manche holistisch orientierte Wissenschaftler sagen, wenn wir im totalen Augenblick sind, sind wir gleichzeitig in der Vergangenheit und in der Zukunft. Die Zeit löst sich auf. Wir gehen dann gleichsam durch die Zeit, spazieren im Raum-Zeit-Gefüge.

Ist die Vermeidung von Unangenehmem der wahre Grund für die oben beschriebenen Irrwege? Oder wollen wir nicht zu mehr Ganzheit gelangen, zu mehr wirklicher Entwicklung? Um diese Frage ernsthaft zu untersuchen, müssen wir die Konsequenzen von mehr Ganzheit uns vor Augen führen. Ein echter evolutionärer Prozess bringt zwangsläufig mehr Verantwortung mit sich und der Spielraum für Manipulationen reduziert sich. Wollen wir das wirklich? Wenn nicht, dann führen Versuchungen in Richtung zu mehr Ganzheit automatisch zu Angst. Sie warnt uns vor dem, was wir nicht wirklich wollen. Sabetti spricht in diesem Zusammenhang von Holophobie (S. Sabetti, Life Energy Process, Life Energy Media, München 2001) Wir bekommen schließlich, was wir wollen. Ich finde diesen Gedanken faszinierend.

Wenn ich in diesem Aufsatz von „Tatsache“ spreche, verstehe ich diesen Begriff selbstverständlich nicht von einem absoluten Standpunkt aus. Aus meiner Erfahrung ist von der absoluten Ebene aus gesehen alles relativ, außer Energie, Bewegung, Liebe und Bewusstsein.


Altshausen, den 31.12.08
Oswald Horn