Was sind im Kontext der Psyche Tatsachen und deren Transformation


An anderer Stelle habe ich beschrieben, dass es bei Veränderungen wichtig sei, nicht die Absichten, also die Ziele, zu betrachten, sondern die Tatsachen, damit Transformation erfolgen könne.
Mit Tatsachen ist der gegenwärtige psychische „Stand“ gemeint.
An zwei harmlosen Beispielen aus dem Alltag soll nochmals verdeutlicht werden, was unter Tatsachen zu verstehen ist.
Jemand hat vor drei Tagen seine Approbation nach erfolgreicher Prüfung erhalten und kann sich jetzt trotz großer Abschlussfeier nicht mehr daran erfreuen. Seine Absicht ist, Freude, wie am ersten Tag empfinden zu wollen; die Tatsache jedoch ist, das Vorhandensein von Nicht-Freude, evtl. sogar eine gewisse Enttäuschung. Nur wenn diese Missempfindung vollständig und ganz gegenwärtig wahrgenommen wird, kann sie sich auflösen. Ein konfliktfreier Zustand bestehend aus Frieden wird sich installieren, die Essenz des Menschen in Form einer gewissen Grundfreude wird durchscheinen, evtl. gepaart mit einer Dankbarkeit über das Erreichte, da die bestandene Prüfung auch als ein Geschenk gesehen werden könnte mit all den nun möglichen Optionen. Bei diesem Ergebnis handelt es sich nicht um ein Produkt von Denken; Situation und Wahrnehmungsprozess zeigen es dieser Person gleichsam. Es handelt sich dabei keinesfalls um ein Denken im Sinne von Analysieren, Kombinieren, Erinnern und Beziehen auf Konzepte ethischer, religiöser oder sonstiger Art, auch nicht um ein Erinnern und Einbeziehen eigener Erfahrungen aus der Vergangenheit.

Bei bedingungsloser und vollständiger Beobachtung verschmelzen im Wahrnehmungsraum das Objekt / der Inhalt und der Beobachter. Hierbei kann Erkenntnis zugänglich werden, ein Schöpfungsakt kann wirksam werden. Völlig Neues kann entstehen. Mit anderen Worten, die Naturgesetze der Evolution werden wirksam. Etwas oberflächlich und m. M. nicht präzise genug könnte man hierbei auch von Kreativität und Intuition, die in keiner Weise vom Individuum gemacht werden, sprechen. Ein namhafter Märchenautor sagte, dass die Inhalte der Märchen ihm einfach zufallen bzw. durch ihn durchgehen würden. Er würde dabei nicht denken und könne den Zeitpunkt nicht einfach bestimmen.

Eine andere Person, die an der Abschlussfeier der ersten Person teilnimmt, isst und trinkt zu viel, dazu noch alles durcheinander. Ihr wird allmählich sehr übel und ein entsprechender Druck in der Magengegend nimmt zu. Sie will dies alles möglichst schnell loshaben, geht auf die Toilette, steckt sich den Finger in der Mund, um sich zu erbrechen. Es geht nicht, sie steckt den Finger tiefer in den Mund, tut sich noch mehr Gewalt an, geht immer noch nicht! Durch noch mehr Druck könnte sie es evtl. schaffen. Ihr Druck baut gleichzeitig Gegendruck auf. Der simple Konflikt kumuliert. Sie macht sich ihr Problem, in dem sie ihre Übelkeit, die sie aktuell hat, nicht haben will. Sie fokussiert mit Gewalt den übelfreien Zustand, der in der Zukunft liegt, anstatt, die Übelkeit, welche die Tatsache ist, vollständig und bedingungslos wahrzunehmen. In diesem Fall würde sie den Brechimpuls, der seinen eigenen Rhythmus hat, unterstützen. Es wäre keine Gewalt im Spiel und das Erbrechen könnte geschehen. Der Finger, wenn überhaupt noch nötig, würde diesen Prozess dann nur noch unterstützen.
Die Überlegung, sich möglichst schnell zu entgiften, sofern dies keine Gewohnheit ist, ist eine ganz gesunde Strategie, anstatt dem Körper den ganzen Umwandlungsprozess, der sich über Stunden bis Tage dahinziehen kann, zuzumuten. Grundsätzlich muss diese Person natürlich auch klären, warum sie Unpassendes in sich aufnimmt. Der entsprechende Bewusstseinsmangel sollte natürlich ebenfalls behoben werden.

An den Absichten hängen heißt also, weg vom Gegenwärtigen, vom Tatsächlichen und ein Gehen in die Zukunft bzw. in die Vergangenheit. Im Übrigen sind unsere Projektionen in die Zukunft stets vergangenheitsbezogen. In beiden Richtungen gibt es keine Lösung. Wir bauen mit diesem Unterfangen nur zusätzlich Konflikte ein und binden damit Energie, die uns dann nicht mehr zur Verfügung steht. Wir vervielfachen den Konflikt.
Wir binden Bewusstseinsenergie an eine Illusion, denn die Zukunft gibt es nur in der Vorstellung, also im mentalen Raum. Und wenn es sie gibt, ist sie Gegenwart. Analog ist es mit der Vergangenheit. Sie ist vorbei. Sie gibt es nur als Erinnerung, als Abdruck dessen, was mal gewesen ist, also auch nur mental. Die evtl. in der Vergangenheit festgehaltenen (energetischen) Blockierungen können heute noch vorherrschen und gehören dann zum Gegenwärtigen. Sie beeinflussen u. U. heutiges Denken und Handeln.
Wenn wir jedoch diese „vorwärtigen“ bzw. rückwärtigen Dinge bzw. Prozesse fokussieren, dann beschäftigen wir uns mit Illusionen und die tragen selbstverständlich nichts zur Lösung bei. Den gleichen Effekt haben alle mentalen Neuordnungs-, Umbewertungs-, Deutungs- und Analysekonzepte. Sie bewirken im System Mensch letztlich Spaltungen und damit neue Konflikte. Vordergründige Erleichterungen können damit sicherlich erlangt werden, aber keine tiefergehenden Veränderungen. Dies schließt nicht aus, dass bei einem / er TherapeutIn obiger Orientierung unbeabsichtigt, gleichsam in den Lücken, das Gegenwartsprinzip wirksam sein und so konstruktive Veränderung erfolgen kann, die dann leider zudem meist auch noch falsch attribuiert wird.

Eine echte Veränderung, die es nicht notwendig hat, etwas abzuspalten, zu verschieben, zu vermeiden ..., gibt es nur, wenn wir ganz gegenwärtig sind, wenn wir die Dimension Zeit verlassen - nicht im Denken - im Tun. Dieser Prozess ist durch völlige Konfliktfreiheit gekennzeichnet.

Die Schwierigkeit für viele Menschen besteht darin, diesen Bewusstseinszustand bei sich zu injizieren und immer wieder auf`s Neue zu realisieren, denn jeder Augenblick ist neu und der gerade noch gewesene ist vorbei. Es ist eine fortwährende Angelegenheit, ein Prozess, der Aufmerksamkeit, also Wachheit voraussetzt.
Wie dies konkret durchgeführt wird, dazu möchte ich auf die anderen Aufsätze dieser Homepage verweisen.

Einen allgemeinen Irrtum, den ich besonders bei Experten immer wieder beobachte, ist, dass mentales Wissen über Gegenwärtigkeit mit deren Realisierung gleichgesetzt wird und dann dabei unwissentlich stehen geblieben wird. Hierbei kann selbstverständlich keine Transformation erfolgen.

Die Bewusstseinsveränderung kann nur vom Betroffenen selbst realisiert werden. Der Heiler, der Meister, der Priester, der Guru, der Freund oder der Psychotherapeut kann nur aufzeigen, wo der Betreffende steht, wie und wo er sich selber im Wege steht und was er unterlassen müsste. Verspricht er anderes, ist er vermutlich ein Scharlatan. Eine tragende Atmosphäre, ein entsprechendes Feld, Körperpsychoarbeit u. dergl. können diesen Prozess sehr konstruktiv unterstützen und verkürzen. Wenn therapeutische Prinzipien der Eigenverantwortung nicht beachtet werden, stehen Tür und Tor für gravierende psychische Abhängigkeiten offen.

Was ist in diesem Zusammenhang eine „Tatsache“ und warum kommt es zur Transformation. Was ist hierbei Transformation?

Die Tatsachen sind mentale Produkte, die von unserem Denken / Verstand geschaffen wurden und von ihm aufrechterhalten werden. Wenn wir nun gegenwärtig sind, d. h., aufhören zu denken, zumindest vorerst aufhören absichtlich zu denken, bei mehr Training Freiheit vom Denken, dann löst sich das mentale Produkt „Tatsache“ auf. Es wird nicht mehr „unterhalten“, es verschwindet energetisch und strukturell. Diesen Vorgang nennen wir Transformation.

Jiddu Krishnamurti und Ramana Maharshi haben dies sehr klar erkannt und gelebt, wenngleich sie dazu unterschiedliche Worte und Beispiele benutzten. Auch der Zen-Buddhismus und andere Geistesströmungen hatten und haben Bezug zu diesen Wahrheiten. Bei Zeit und Interesse möchte ich dazu ermutigen bei diesen alten Weisheitslehrern, die schon längst verstorben sind, nachzulesen. Inzwischen gibt es glücklicherweise eine Reihe neuerer Autoren, die wissentlich oder unwissentlich an diese Tradition anknüpfen und in modernerer und damit lesbarerer Sprache diese Wahrheiten vermitteln. Inzwischen gibt es neuere Psychotherapieschulen, die ihre Vorgehensweise auf dieser Basis konzipiert haben.


Altshausen, den 13. Juli 2015

Oswald Horn