Unsicherheit


Wir sind mehr oder weniger alle Sicherheitsfetischisten, nicht nur die Menschen mit zwangsneurotischer Dynamik, wir, die sog. Normalneurotiker!
Dem Streben nach subjektiver Sicherheit liegen viele menschliche Motive zugrunde wie Bildung, berufliche Entwicklung, Partnerschaft, Schaffung von Vermögen, Gesundheit, langes Leben u.v.m. in all seinen Facetten. Um Sicherheit zu schaffen, sind wir weitgehend unbewusst zum Sklaven dieser Machenschaft geworden.

Des Menschen größtes Problem ist, subjektiv sicher sein zu wollen. Daraus entstehen Leid, Gewalt, Neid, Eifersucht und vielfältige Formen von Trennung wie Krankheit und andere Abgrenzungen, aus denen Zwietracht und Kriege resultieren. Dies schließt nicht aus - sofern machbar - dich in einem vertretbaren Maß abzusichern.

Wir wollen etwas, was es nicht gibt! Wir jagen einer Illusion nach und schaffen dabei für uns und das Kollektiv große Probleme. Psychologische Sicherheit gibt es nicht!

Wenn uns dies wirklich bewusst sein würde, dann hätten wir es nicht mehr nötig, mental so viel auf der Zeitachse hin und her zu wandern wie ein Tiger im Käfig. Unser mentaler Apparat würde zur Ruhe kommen und könnte dann, wenn erforderlich, gezielter zum Einsatz gebracht werden. Viele Menschen sind mental überladen, was zu Schlafstörung, innerer Unruhe, Konzentrationsschwierigkeit, Einfallslosigkeit u.v.m. führt.

Wir könnten wieder gegenwärtig - zeitlos - sein! Transformationen, wenn sie anstünden, könnten dann geschehen.
Es könnte gleichsam eine „kosmische Bewegung“ in uns beginnen, ein spontanes Aufgeben jedes jeweiligen Moments und ein Einlassen in den neuen, d.h., ein Loslassen des Gewohnten und lieb Gewordenen und ein Eintauchen ins neue Unbekannte und dies permanent. Durch unser völlig übertriebenes Absichern wollen bremsen wir den Gang der menschlichen Evolution.

Wir könnten vorurteilslos an Aufgaben herangehen und so unsere kreative Seite walten lassen. Wir könnten wieder schöpferisch sein oder präziser gesagt, die Schöpfung könnte wieder durch uns wirken, ohne dass wir uns mit dem im Wege stehen, was wir mental zusammengebastelt und mit dem wir uns identifiziert haben.

Es sind Prozesse, die im kleinen Kind ganz natürlich entstehen und vielleicht mit „Unschuld“ noch am Besten bezeichnet werden können. Ein Mensch lernt in dieser Entwicklungsphase in kurzer Zeit ganz viel mit dem Unterschied, dass der Erwachsene wirklich verstehen könnte, dass Leben immer auch ein Sterben ist. Jeder Moment und alles, was er impliziert, ist einmalig, unwiederholbar, einzigartig und der nächste immer neu, unbekannt und damit unsicher.

Leider verhindern unsere Schul- und Ausbildungssysteme solche Prozesse, anstatt sie zu fördern. Können wir dies überhaupt noch verantworten?

Ist das Verlangen nach Sicherheit die Ursache von dem, was wir zusammengebaut haben und wir heute stolz als Individualität deklarieren? Was vom Menschen zusammengebastelt wurde, wird sich am Ende seines Lebens wieder auflösen.

Wieso wollen wir diese Unsicherheit nicht annehmen? Es ist nicht schwer, sie liegt nicht in der Zukunft, sie ist schon da. Gib ihr Raum, lass sie wirken und sie verändert sich - was du nicht wissen musst. Verwirkliche! Darauf kommt es an!

Dies ist gleichzeitig eine sinnvolle Einstellung auf den Tod, denn, wenn du stirbst solange du noch lebst, bist du auf ihn vorbereitet - aber auch das, musst du nicht wissen.

Kannst du erahnen, dass diese Orientierung dir den Zugang zu Tieferem eröffnen könnte?

Altshausen, den 09. Januar 2013
Oswald Horn