Verletzung


Sei dir bewusst, wenn du Verletzungen nicht ausdrückst, die du dir oder anderen zugefügt hast, vermeidest du Offenheit und Nähe! Ebenso, wenn du verletzt worden bist, erlaube dir den Ausdruck des Schmerzes und der Tränen. Es genügt oft nicht, wenn du sie in dir geschehen lässt, du solltest es dem Gegenüber (Opfer/Täter) mitteilen, damit dieser Unterstützung für den eigenen Heilungsprozess erfährt. Es spielt keine Rolle, ob der andere die von dir getätigte Verletzung bewusst erlebt hat oder umgekehrt, ob der andere bemerkt hat, dass er dich verletzt hat - sein "System" bekommt sie stets mit. Die von alters her favorisierte Wahrhaftigkeit, Ehrlichkeit und Offenheit hat so neue Relevanz, ja immer schon gehabt. Du vermeidest sonst Innigkeit, Einssein mit dir und dem Anderen. Es birgt allerdings die Gefahr in sich, dass der Andere auf Abstand geht, evtl. dich sogar verlässt. Sei dir durchaus dieser Möglichkeit bewusst. Das Einssein mit dir bleibt dir dennoch. So würdest du entwicklungsorientiert sein!

Eine einzige Verletzung im Universum, egal von wem, wo und wann, ist überall vorhanden, auch im Täter. Wenn sie an einer Stelle auf der Welt wirklich geheilt wird, erfolgt die Heilung überall.

Liebe hat mit Offenheit und Nähe zu tun. Liebe kann umso mehr fließen, wenn es weniger oder keine Spaltungen, also Verletzungen, Lügen, Konflikte usw. gibt. Sie ist immer vorhanden! Wir grenzen sie aus. Es scheint so, als ob wir sie nicht wollten, obgleich sich jeder danach sehnt. Wir müssten auf unsere Absicht, etwas kontrollieren und damit sichern zu wollen, verzichten. Unser Selbstbild sollten wir stets - wenn es uns bewusst wird - immer wieder aufs Neue sterben lassen. Wir sollten tun, was zu tun ist. Unsere spontanen Impulse im Zusammenspiel mit den Resonanzen des Umfelds geben es uns vor. "Es" wird uns gezeigt, lassen wir uns bewusst vom Prozess führen. Wir benötigen dazu kein metaphysisches Konzept. Voraussetzung für die Realisierung ist, dass wir aus einem Gegenwartsbewusstsein heraus handeln. Das Leben verläuft in Prozessen - wir sollten es nicht in Bilder und Einstellungen packen und somit verdinglichen bzw."verzuständlichen". Unser übermäßiges Bedürfnis nach psychischer Sicherheit, mit dem wir uns stets in die Zukunft katapultieren, verhindert dies. Wenn wir uns auf diese Weise nicht vom Hier und Jetzt abschneiden würden, somit keine Energie destruktiv binden würden, alles wäre dann sehr einfach. Wollen wir das?
Bedenke, eine psychische Verletzungen kann es nur geben, wenn du verletzbar bist, d.h., wenn ein Aspekt deines selbst zusammengezimmerten Bildes von dir angekratzt oder verletzt wird. Wenn du an keinem derartigen Bilderdienst hängst, gibt es keine Verletzung. Dies sollte keineswegs eine Einladung sein, Verletzungen zu bagatellisieren.

Nicht nur das sog. Opfer erfährt eine Verletzung, sondern auch der Täter hat i. R. in seiner Geschichte eine verborgene Verletzung vorliegen noch bevor er andere verletzt.


Altshausen, 10. April 2006, 12. Januar 2013
Oswald Horn