Verzeihen


Viele religiös und therapeutisch orientierte Autoren betonen, dass es wichtig sei, zu verzeihen.
Dies möchte ich bestätigen. Um wirklichen Frieden mit sich und dem Gegenüber/Gegner zu haben, ist ein echter Verzeihungsprozess notwendig.

Verzeihen ist jedoch kein rein mentaler Vorgang, der nur gewollt werden muss und dann vollzieht er sich. Es ist auch kein Produkt als Resultat von Bewertung - von auf/abwerten oder neutral bleiben. Es ist kein Vorgang, der nur die willentliche Ausrichtung gemäß einer bestimmten Moral oder Ethik impliziert. Dies würde nur zu Scheinheiligkeit und damit zu einer Art künstlichen Neutralität führen. Leider wird von vielen Experten so getan, als ob es so funktionieren würde.

Wenn ein Bedarf zur Verzeihung besteht, dann liegt wissentlich oder unwissentlich eine Verletzung vor, die oft mit Zorn und Wut zugedeckt ist. Verletzungen sind schmerzlich und stellen energetisch an bestimmten Stellen eine Überladung und an anderen eine Unterladung dar. Sie manifestieren sich körperlich als Anspannung. Um das Ganze zu zementieren, wird dann oft zu Abwertung/Aufwertung des Gegenübers und/oder seiner Selbst gegriffen. Die Umgebung ist dann durch diesen Unfrieden atmosphärisch mit betroffen.

Jede Verletzung kommt einer Spaltung gleich und wenn der entsprechende Schmerz nicht spontan und direkt ausgedrückt wird, wird diese Spaltung aufrechterhalten. Dies kann über Jahre gehen. Der Körper muss es gleichsam aushalten. Körperliche Schmerzen entstehen. Eine Manifestation von der geistigen auf die emotionale Ebene und von dort auf die physische Ebene erfolgt. Neben psychischen Symptomen wie Depression und dergl. treten psychosomatische und rein somatische Beschwerden auf. Es kommt also weder innerhalb der Person wieder „zusammen“ noch zwischen der Person und dem Gegenüber. Zur wieder Ganzwerdung, also zur Heilung ist es grundsätzlich wichtig, dass „es“ wieder zusammen kommt. Zusammen kommt es nur, wenn ich meine Verhärtung zu Gunsten meiner weichen Anteile aufgebe. Das heißt, ich muss meinen Schmerz geschehen lassen. Das setzt Bejahung voraus. Ich muss dem Schmerz gleichsam Raum durch Zuwendung meiner Aufmerksamkeit geben, damit er sich ausdrücken kann. Es handelt sich um einen Schmelzungsprozess, die „Spalte“ schließt sich wieder. „Es kommt wieder zusammen“ – Bewegung und damit Spannungs- und Ladungsreduktion, differenzierter betrachtet, Ladungsausgleich kann wieder geschehen. Ein Fließen ist zu beobachten. Ein solcher Prozess drückt sich in der Regel durch Tränen aus. Prozessual und energetisch heißt dies, dass sich eine Energiegestalt auflöst.
Nicht wir müssen wieder eine Ganzheitsordnung herstellen, sie stellt sich von selbst ein, wenn wir diesem Prozess freien Lauf lassen würden. Von Natur aus pendelt sich unser System nach einer Störung immer wieder in einen Zustand der Ausgewogenheit nach den Gesetzen der Ganzheit ein. Wenn wir uns absichtslos diesem Prozess hingeben würden, würde sich in Kürze stets Heilung einstellen, siehe auch meinen Kongressvortrag von 2001 über die Psychoemosomatik. Durch unsere wissentliche und unwissentliche Selbstmanipulation, Stark sein zu müssen, immer funktionieren zu müssen, der Überlegene sein zu wollen, der andere darf nicht spüren wie sehr er uns getroffen hat, wir wollen uns und schon gar nicht dem anderem eingestehen, dass er die Macht hat, uns zu verletzen u. dergl. verhindern wir den inneren Heilungsprozess. Dem Gegner bzw. dem übrigen Umfeld so Frieden zu bekunden, ist dann nicht echt. Die innere Heilung ist Voraussetzung für die interaktionelle. Der intrapsychische Prozess muss dem interpersonellen vorausgehen. Es reicht keinesfalls, dass wir äußeren Frieden propagieren, also Verzeihen oder um Verzeihung bitten, ohne im Inneren den oben beschriebenen Prozess zu durchlaufen.

Aber nicht nur dem anderen sollte verziehen werden, je nach Situation musst du auch dir selbst verzeihen. Du musst dir beispielsweise deinen Fehler, die Verletzung, die du einem anderen oder dir zugefügt hast eingestehen, ihn/sie solange fokussieren bis sich der dahinter „sitzende“ Schmerz und die entsprechende Trauer einstellt und dann im obigen Sinne zum Ausdruck kommt.
Alles andere ist von sekundärem Charakter und lässt sich relativ leicht handhaben.

Manchmal bedarf dieser Prozess, der sehr subtil sein kann und sehr minutiös ablaufen muss, wenn er effektiv sein sollte, kompetenter psychotherapeutischer Unterstützung. Nach der fernöstlichen Nomenklatur, die zurückgeht auf ein sehr altes und umfassendes System, Abläufe und Zustände spezieller und allgemeiner Art zu verstehen, wird ein Prozess von einer Yang/Yang- zu einer Yin/Yin- und schließlich zu einer Yang/Yin-Qualität durchlaufen. Es gibt auch westliche Diagnosesysteme, die zur Beschreibung dieser Prozesse herangezogen werden könnten, sie sind jedoch nicht so umfassend und treffen daher nicht so präzise das Wesenhafte. Eine Synthese aus diesen Konzepten wie es S. Sabetti mit seiner energetisch-prozessionalen Sichtweise beschreibt, trägt zum tieferen Verständnis bei.

Kleine Kinder, denen wir noch keine destruktiven Trübungen angedeihen haben lassen, durchlaufen diesen Prozess in Kürze. Sie drücken ihren Schmerz sofort aus. Dies ist der Grund, weshalb sie in wenigen Minuten mit ihrem Spielkameraden wieder lachen können, nachdem sie zuvor von ihm verletzt worden sind. Es kommt wieder zusammen, ohne dass explizit verziehen werden muss.


Altshausen, 27. Juli 2008
Oswald Horn