Was ist wichtig?


Ist es wichtig, den Gipfel bestiegen zu haben, also das vorab definierte Ziel, erreicht zu haben?
Oder sollten wir nicht viel besser mit unserem Bewusstsein weniger in der Zukunft und stattdessen möglichst präsent gegenwärtig, im Hier und Jetzt sein, wie auch der Zen Buddhismus und viele andere Weisheitslehren östlicher und westlicher Strömung favorisieren. Der Taoismus empfiehlt, der Weg sollte das Ziel sein. Es sind 1000-jährige Lebensweisheiten. Wir kennen sie, leben sie aber nicht. Die Zukunft gibt es nur in unserem „Hirn“, sie ist gleichsam eine Fata Morgana, ähnlich ist es mit der Vergangenheit, sie ist vorbei, es existieren nur Spuren und Erinnerungen davon. Wir beschäftigen uns viel zu sehr mit Illusionen.
Was es einzig als Tatsache gibt, ist der Augenblick!

Wer ist derjenige, der will? „Er“ ist die Wurzel dieses Irrtums.

Erkenne dein „Ich“, dieses Ding, mit dem du dich identifizierst und lass los davon. Du bist in deiner Essenz nicht dein Körper, nicht das, was über deine Sozialisation dein Denken über dich zusammengezimmert hat. Dieses „Ich“ muss sterben, damit all dein Stress und all dein Leiden aufhören können.

Erst dann kann das Tor, hinter dem Schweigen offenbar wird, sich öffnen.
Wenn deine Sinne, dein Denken, deine Begierden und deine Wünsche schweigen, kannst du die Essenz fühlen, begreifen, wahrhaft lieben und mit allem eins sein.

Unser Sicherheitsfetischismus, mit dem ständig versucht wird, die Existenz diese „Ichs“ abzusichern, kann ein Ende haben. Die Gier nach übertriebener Sicherheit kann aufhören.
Damit würden auch sofort die Gier nach Profit, Status, Überlegenheit und egoistische Ausbeutung, die die Konsequenz davon sind, aufhören.
Armut, Unterlegenheit, Überangepasstheit, ungesunde Konkurrenz, Missgunst und Eifersucht würden allmählich verschwinden. Die ganze Destruktion in Form der vielfältigen Kriege, die seit langem und besonders derzeitig vorherrschen, könnten enden. Es ist offensichtlich, dass alles zusammenhängt, dass dieses Handeln nicht nur einem aggressiven Akt anderen gegenüber gleichkommt, sondern auch ein autoaggressiver Akt ist. Welche Dummheit! Wir sägen uns den Ast ab, auf dem wir sitzen.

Du hast inzwischen schon vielmal erfahren, dass dich die Realisierung deiner egoistischen Ziele nicht wirklich glücklich macht. Du willst es nicht wahrhaben, machst weiter, wiederholst, wechselst die Themen und Aktivitäten. Es ist jedoch immer noch das gleiche Muster, genauer gesagt, die gleiche Sucht - ein sinnloses „Suchen“, eine Hyperaktivität! Unsere individuelle Destruktion hat also große Auswirkung auf das Kollektiv. Die Lösung kann nicht von oben angeordnet werden, sie wäre wirkungslos. Sie kann nur von "unten" erfolgen, vom Einzelnen aus.

Eine tiefe Freude und Glück können erst spürbar zum Vorschein kommen - sie sind deine Natur – wenn du das Tor des Schweigens zur Stille öffnest. Dann wirst du erfahren, dass Stille nicht Leere, sondern Fülle ist. Die Qualität des Herzens wird dir zugänglich und damit die Verbindung zu allem.
Intuition und Kreativität nehmen zu, ebenso deine Affinität zu Schönheit, Einfachheit und Klarheit im Verstehen.


Erich Fried drückt mit seinem Gedicht "die Pause" den heutigen Zeitgeist sehr gekonnt aus:

Weil viel geschehen kann
Wenn einmal nichts geschieht
Muss immer etwas geschehen
Damit nicht alles geschieht

Drum Lärm geschlagen
Dass er das Schweigen verschweige
Dass die unstillbare Stille
Uns nicht das Lautere zeige

Das Letzte, was man tut
Ist das Nichtstun verhüllen
Wenn die Unruhe ruht
Kann das Leere alles erfüllen



Altshausen, 21. August 2017
Oswald Horn