Der Weg jenseits von Zeit


ist der Weg ohne Plan und ohne Wollen. Es gibt keine Orientierung in Richtung Vergangenheit oder Zukunft. Die Dimension Zeit wird dabei verlassen.
Die Aufmerksamkeit ist nach Innen gerichtet. Nach Ramana Maharshi sollte der oft nach außen gelenkte Geist zurückgeholt und auf das Selbst gerichtet werden. Er empfiehlt aufzuhören, an Objekte zu denken! Sie sind nicht das Selbst und damit keinesfalls essentieller Qualität. Wenn wir aufhören, an das Nicht-Selbst zu denken, was für die meisten Menschen leider eine Dauerbeschäftigung / Arbeitsbeschaffung ist, dann wird das Selbst - das immer schon da war und immer da sein wird - zunehmend wahrnehmbarer. Es offenbart sich gleichsam.
Jegliche Identifikation mit Objekten im Wahrnehmungsraum (siehe auch Eckhart Tolle) verhindert das Erkennen des Selbst. Absichtliches fokussieren der Objekte sollte dabei genau so unterlassen werden wie jede andere Art der Manipulation in Sinne von Leugnen, Wegschieben usw. Sie verlieren an Energie und damit an Bedeutung, wenn du gegenwärtig bist.
 
„Der Weg jenseits von Zeit“ erfordert Leidenschaft. Intrinsische Motivation und spontanes Handeln sind nötig. Es ist eine vergebliche Mühe, durch Wollen und Anstrengung ein Fehlen dieser tieferen Bereitschaft kompensieren zu wollen. Du machst dir was vor und blockierst dich dadurch. Ein tieferes Bewusstsein ist notwendig! Dies kann nur erlangt werden, dass bei der „Tatsache“ (im Sinne Jiddu Krishnamurthi) geblieben wird und die lautet, zu lau zu sein. Deine Motivation ist noch durch Seichtheit gekennzeichnet. Wenn du die mangelnde Bereitschaft erkennst und dich dazu auch bekennst, dann kann sich ein tieferes Bewusstsein manifestieren, das mit größerer Motivation für diesen Weg einhergeht.

Ein Verweilen bei der „Tatsache“ führt bei einer überkritischen Grundhaltung oft zu Selbstverurteilung. Um diese zu umgehen, wird vom Betroffenen oft Vermeidung praktiziert, in dem er sich vormacht, so zu tun, als sei er auf dem Weg. Er geht ins Wollen und Beabsichtigen. Weder Weggehen noch Bewertung sind förderlich. Dieser „kritische Punkt“ benötigt Raum, ein Innehalten und keine Kontraktion durch Selbstabwertung und andere Blockierungen. Kontraktion führt zu Leiden und Übersprungreaktionen, der Prozess wird dann festgehalten und „der Weg jenseits von Zeit“ wird so verschüttet und kann dann nicht "gegangen" werden.

Sehr viele Menschen, die der Überzeugung sind, auf dem spirituellen Weg zu sein, wollen den Mangel an echter Motivation oft nicht wahrhaben. Häufig ist der angeblich spirituelle Weg hauptsächlich Ausdruck einer Flucht vor der Nichtbewältigung des Alltags. Eine derart sekundäre Motivation ist keinesfalls für einen geistigen Weg ausreichend. Dieser Mensch flüchtet davor, wo es für ihn viel zu lernen gäbe und kommt dann vom Regen in die Traufe. Auf dem Pseudoweg werden ihm viele Probleme begegnen - ja, er ist das Problem. Sog. Aussteiger sind davon häufig betroffen. Aber auch diese Folgeschwierigkeiten könnten bewältigt werden, sie könnten als Lern- und Entwicklungschance genutzt werden, anstatt einen weiteren Ausstieg vorzunehmen und bspw. Suizid zu begehen.

Mach auch keinen bewussten Leidensweg daraus, der von der Hoffnung getragen wird, durch Leiden Gott näher zu kommen bzw. später im Himmel dafür entschädigt zu werden. Dies sind menschliche Konstruktionen, die von Institutionen in der Vergangenheit, wie besonders die Religionsgeschichte auch zeigt, sehr ausgenutzt worden sind.

Die Wegweiser für diesen Weg entdeckst du in dir, sie korrespondieren oft mit äußeren Gegebenheiten. Schau ganz gegenwärtig nach Resonanzen in dir, ohne zu warten und zu suchen.

Schau immer wieder auf "den", der den Weg geht - auf Dich, ohne nach Antworten zu suchen und nachzudenken, selbst bloße Fragen zu stellen, ist meines Erachtens schon zu viel! Du würdest so nur Zeit produzieren. Nicht die Objekte auf deinem Weg sind bedeutsam, sie repräsentieren das Nicht-Selbst! Verstehe, wer Du bist, was ist das Selbst! Ja, sei Es! Sei im Sein! Damit würdest du die letzte Dualität auflösen. Sich dessen nur bewusst zu sein, reicht auch noch nicht aus - es zu wollen, schon gar nicht.

"Der Weg jenseits von Zeit" impliziert auch die Gegenwärtigkeit des Ortes. Siehe auch das "Hier und Jetzt"-Prinzip aus dem Zen-Buddhismus, das die Gestalttherapie entlehnt hat, die Ideen zu Wu wei und die taoistische Überlegungen. Die Zusammenhänge von Denken und Zeit lassen zum Thema "der Weg jenseits von Zeit" ein tiefes Verständnis erfahren. Krishnamurti hat diesen Aspekt der Ganzheit sehr deutlich gesehen und auch sehr leidenschaftlich vertreten.

Siehe auch die anderen Essays auf meiner Homepages, die den einen oder anderen Begriff ausführlicher abhandeln.

Altshausen, den 20.08.2014, 05.12.2016
Oswald Horn